26. Oktober 2026
Das grüne Paradies
Paraguay scheint eine geradezu magnetische Wirkung auf deutsch-Völkische, Verschwörungstheoretiker und andere Aussteiger mit einem eher speziellen Weltbild auszuüben. Schon die von Bernhard Förster gegründete Kolonie „Nueva Germania“ im späten 19. Jahrhundert gehört zu dieser Geschichte, später kamen die zahlreichen Geschichten über untergetauchte Nazis und nicht zuletzt die Legenden um Josef Mengele hinzu.

Mit IM UMKREIS DES PARADIESES widmet sich die Regisseurin Yulia Lokshina nun einem Projekt das durchaus in diese Reihe passt: „El Paraíso Verde“, jener 2016 gegründeten, abgeschotteten Siedlung im Süden Paraguays, die vor allem während und nach der Corona-Pandemie zahlreiche deutsche Auswanderer anzog. Das es ihn gibt, ist die vielleicht bemerkenswerteste Leistung des Films: so nah an diese Menschen heranzukommen. Eine Gemeinschaft, die etablierten Medien und insbesondere dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk mit erheblichem Misstrauen begegnet, lässt ein Kamerateam erstaunlich tief in den eigenen Alltag blicken.
Dass das überhaupt möglich war liegt vielleicht an der Herangehensweise von Lokshina, denn die Filmemacherin entschied sich für einen rein beobachtenden Ansatz. Und genau das ist gleichzeitig die große Stärke und die größte Schwäche des Films.
Denn wer bereits weiß, was es mit „El Paraíso Verde“, seinem Gründer Erwin Annau und der Vorgeschichte der Siedlung auf sich hat, bekommt hier interessante Einblicke. Wer dagegen völlig unvorbereitet in den Film geht, dürfte sich zunächst ziemlich verloren fühlen. Es wird erstaunlich wenig erklärt. Wo genau liegt die Siedlung? Wie ist sie entstanden? Wer sind die wichtigsten Personen? Was waren die ursprünglichen Vorstellungen hinter dem Projekt?

Eine Karte und ein kurzer Überblick hätten bereits geholfen. Stattdessen wirft einen der Film gewissermaßen ins kalte Wasser. Das mag dem dokumentarischen Konzept geschuldet sein, macht den Film aber nicht unbedingt zugänglicher.
Dabei wird es schnell interessant. In den Gesprächen mit den Bewohnern eröffnet sich eine Gedankenwelt, in der etablierte Medien und staatliche Institutionen grundsätzlich mit großem Misstrauen betrachtet werden. Permanente Beobachtung durch CIA und BND scheinen dabei ebenso zum gedanklichen Inventar zu gehören wie alternative Heilmethoden, Engel, Aliens oder Menschen mit angeblich übersinnlichen Fähigkeiten. Einer der Bewohner behauptet beispielsweise, mit Tieren kommunizieren zu können – eine Fähigkeit die man bisher eigentlich nur Dr. Dolittle zugeschrieben hätte.
Besonders problematisch ist dabei weniger, dass solche Aussagen im Film vorkommen. Eine Dokumentation soll Menschen schließlich zu Wort kommen lassen, auch wenn deren Ansichten Schwierig sind. Daher mag das bei Geschichten über Außerirdische Besucher und vergrabenem Gold auch unproblematisch sein. Wenn etwa behauptet wird, Krebs sei quasi durch ignorieren heilbar, bewegt man sich nicht mehr bloß im Bereich skurriler Weltanschauungen. Hier wäre eine journalistische Einordnung durchaus sinnvoll gewesen.
Nebem dem grünen Paradies beschäftigt sich IM UMKREIS DES PARADIESES allerdings auch noch mit einem interessanten zweiten Erzählstrang. Zwei junge Paraguayer aus Caazapá versuchen, sich im Tourismusbereich eine Zukunft aufzubauen. Dadurch entsteht ein Kontrast zwischen den deutschen Auswanderern und der lokalen Bevölkerung. Die beiden jungen Menschen haben ihre eigenen Vorstellungen von der Region, ihrer Geschichte und ihren Mythen. Der Film stellt diese beiden Welten nebeneinander, ohne sie allzu stark miteinander zu verzahnen.
Das funktioniert nicht immer als roter Faden. Über weite Strecken hat man eher das Gefühl, einzelne Beobachtungen aneinandergereiht zu bekommen. Trotzdem entwickelt der Film gerade dadurch eine eigentümliche Atmosphäre. Er zeigt nicht nur das „Paraíso Verde“, sondern vermittelt auch einen Eindruck von Paraguay selbst. Die Landschaftsaufnahmen sind großartig und machen verständlich, warum das Land für Menschen, die auf der Suche nach einem vermeintlichen Paradies sind, eine solche Anziehungskraft besitzen kann.
Besonders interessant sind dabei die Widersprüche, die der Film eher zeigt als erklärt. Die Bewohner des „Paraíso Verde“ beklagen beispielsweise die Migration nach Deutschland und berufen sich teilweise auf völkische Vorstellungen. Gleichzeitig sind sie selbst nach Paraguay ausgewandert und haben dort eine abgeschottete Gemeinschaft gegründet. Diese offensichtliche Spannung hätte man problemlos stärker herausarbeiten können.
Überraschend fand ich dagegen, dass die deutschen Siedler tatsächlich die Landessprache lernen. Bei einer Gemeinschaft, die sich teilweise so stark von der Außenwelt abgrenzen möchte, hätte man eine deutlich größere Distanz zur paraguayischen Gesellschaft erwartet. Auch das ganz extreme völkische Gedankengut, das man angesichts der Vorgeschichte vielleicht erwarten könnte, steht zumindest in diesem Film nicht permanent im Mittelpunkt. Ob das daran liegt, dass es tatsächlich keine größere Rolle spielt oder ob andere Aspekte für den Film einfach wichtiger waren, lässt sich schwer sagen.
IM UMKREIS DES PARADIESES ist ein interessanter, aber auch sperriger Dokumentarfilm. Er liefert weniger eine klassische Untersuchung des El Paraíso Verde als einen langen, unmittelbaren Blick in eine Gemeinschaft und ihre Gedankenwelt. Das kann faszinierend sein, gerade weil die Filmemacherin ihre Protagonisten nicht ständig kommentiert oder für den Zuschauer bewertet.
Gleichzeitig fehlt dadurch immer wieder das, was man sich beim Blick auf ein derart komplexes Thema wünschen würde: Kontext, Einordnung und schlicht mehr Details.Man kann sich seine eigene Meinung bilden. Das sollte man bei einer Dokumentation sogar unbedingt. Aber dafür muss man erst einmal wissen, worüber man sich eigentlich eine Meinung bilden soll.
Titel: IM UMKREIS DES PARADIESES
Land/Jahr: Deutschland 2026
Label: Trimafilm
FSK: ab 0
Laufzeit: ca. 121 Min.
Bilder: © Zeno Legner Trimafilm
Auch interessant:

Mehr als nur ein Kochbuch
Zwischen endlosen Pampas, rauem Patagonien und duftenden Streetfoodmärkten entfaltet sich ein Buch, das weit über Rezepte hinausgeht: GAUCHO ist eine kulinarische Liebeserklärung an Argentinien – atmosphärisch, bildgewaltig und überraschend vielseitig.

