01. Oktober 2026
Ukiyo-e – was ist das?
Japan ist bekannt für seine traditionelle Zeichenkunst, die schließlich in den heute über das Land hinaus bekannten Mangas gipfelte. Die traditionellen Künste sind im Land der aufgehenden Sonne aber längst nicht verschwunden. Ukiyo-e, oder Holzschnittkunst, ist eine bis heute praktizierte Form, Bilder zum Leben zu erwecken. Prestel hat dazu ein Werk auf den Markt gebracht – das weit mehr ist als ein Bilderbuch.
Im Ukiyo-e (浮世絵, „Bilder der fließenden/vergehenden Welt“), wird ein Motiv zuerst auf Papier gezeichnet. Anschließend überträgt ein Holzschnitzer die Zeichnungen auf Holzblöcke und schnitzt die nicht benötigten Bereiche heraus. Für jede Farbe wird ein eigener Holzblock angefertigt (z.B. für weiße Vögel ein separater und für das blaue Meer ein separater). Die Blöcke werden dann, entsprechend dem Bild, mit Farbe bestrichen und in der Reihenfolge die dem Bild entspricht auf das Papier gedruckt.
Durch diese Technik konnten lange vor dem maschinellen Druck identische Drucke einer Zeichnung hergestellt werden, wodurch Kunst auch für normale Bürger erschwinglich wurde. Besonders zwischen dem 17. und 19. Jahrhundert, also lange vor der industriellen Revolution, war diese Technik von großer Bedeutung. Ukiyo-e zeigten und zeigen Geishas oder andere berühmte Persönlichkeiten ihrer Zeit. Dazu kamen natürlich bekannte Samurai, Landschaften, aber auch ganze Geschichten und Legenden wurden so zu Papier gebracht – es entstanden erste Bildgeschichten, die für viele Menschen zugänglich waren.
Im Buch DER MOND: MEISTERWERKE DER JAPANISCHEN HOLZSCHNITTKUNST ist das beispielsweise die Geschichte um Momotaro – ein bekanntes japanisches Volksmärchen. Hier findet eine Frau beim Waschen ihrer Wäsche einen großen Pfirsich am Fluss. Eigentlich will sie den sogleich mit ihrem Mann verspeisen, aber aus dem Pfirsich „schlüpft“ ein kleiner Junge – er meint, der Himmel habe ihn geschickt. Die Familie nimmt ihn auf, später rettet er seine Heimat vor einem fiesen Dämon. Der Holzschnitt zeigt die verschiedenen Etappen der Geschichte – wobei der Akkordeonaufbau der Seiten ein Nachempfinden sehr einfach macht. Wunderschön zum Träumen!
DER MOND: MEISTERWERKE DER JAPANISCHEN HOLZSCHNITTKUNST ist kein Buch zum Lesen. Vielmehr lädt es zum Entdecken und Tauchen durch die Geschichten ein. Der bereits erwähnte Akkordeonaufbau der Buchseiten lässt dies zu einem wahren Erlebnis werden. Einer Schriftrolle gleich, können Stöbernde die Seiten hinlegen und ihre Augen über die Erzählungen wandern lassen. Es lohnt, an mancher Stelle länger zu verweilen, um jedes Detail aufnehmen zu können. Beeindruckend sind dabei nicht nur die satten Farben, sondern auch kleine Details, wie zarte Kirschblüten oder feinste Striche von Gräsern und Blumen. Selbst Morgendunst, der sich über einen Fluss legt, wird eindrucksvoll auf Papier gebannt.
Das Papier ist dick, lässt sich aber dennoch sehr gut auseinanderziehen – und auch wieder einklappen. Das Design erinnert alles in allem an ein altes, japanisches Buch, das nach einer langen Periode aus Staub und Vergessenheit in einer kleinen Bibliothek irgendwo in einem Tempel wieder gefunden wurde. Wer mehr Informationen zu den Bildern braucht – es liegt ein Begleitheft dabei, das jedes Werk sowie den Künstler dahinter näher beschreibt.
Allerdings lohnt es sich, beim ersten Blättern allein die Reise zu unternehmen, denn wer weiß schon, welches Abenteuer hinter der nächsten Falz steckt. Das Buch eignet sich für Kunstliebhaber ebenso wie für Neueinsteiger in die Schönheit der japanischen Kunst und bietet zudem einen Einstieg in die japanische Erzählkunst alter Zeit, die heute mit Mangas eine neue, moderne Form gefunden hat.
Autor: Anne Sefrioui u.a.
Verlag: Prestel
Seitenzahl: 60 Farbtafeln + 48-seitiges Booklet
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