Zwischen Bühne und Schreibmaschine
Joe Matera kennt die Musikindustrie aus beiden Perspektiven. Als Musiker steht er selbst im Rampenlicht, als Musikjournalist blickt er hinter die Kulissen der Branche. Im Interview spricht er über die Kunst des Musikjournalismus und darüber, was ein Musiksachbuch wirklich überdauern lässt.
Wenn man den Begriff „Weltbürger“ mit Leben füllen wollte, wäre der italienisch-australische Autor und Musiker Joe Matera ein großartiges Beispiel.
Als Musikjournalist erscheinen seine Texte und Interviews weltweit – von „Guitar World“ in den USA über „Sound On Sound“ im Vereinigten Königreich bis zur „Shepparton News“ in Australien. Dazu hat er sich mit seinen Musiksachbüchern BACKSTAGE PASS: THE GRIT AND THE GLAMOUR, LOUDER THAN WORDS: BEYOND THE BACKSTAGE PASS und THE MAKING OF ABBA – THE STORY BEHIND THE BAND’S 1975 BREAKTHROUGH ALBUM einen Namen gemacht.
Gleichzeitig ist Matera auch als Musiker international aktiv – ob mit der britischen Pop-Rock-Band „The Korgis“, bei der schwedischen Rockband „Rough Rockers“ – oder auch Solo.
Im Interview geht es um seine Arbeit als Autor, den Blick hinter die Kulissen – und die Frage, was ein Musiksachbuch heute leisten muss, um mehr zu sein als nur ein weiteres Kapitel Musikgeschichte.
Du bist sowohl aktiver Musiker als auch Musikjournalist – wann wurde dir bewusst, dass das Schreiben für Dich mehr als nur eine Ergänzung zu deiner Musik ist?
Das Schreiben ging schon immer Hand in Hand mit der Musik, denn wenn man Musik macht, schreibt man auch Songtexte – beim Songwriting ist man also ohnehin schon am Schreiben. Für Zeitschriften über Musik zu schreiben, ist nur eine Erweiterung davon.
Dabei hast Du ja schon über sehr viele Themen geschrieben. Gibt es bestimmte Bereiche der Musikbranche, über die Du besonders gerne schreibst?
Ich schreibe gerne über die Bands und Künstler aus der Blütezeit der Musik, also aus den 1960er- bis 1980er-Jahren. Ich bin in dieser Zeit und mit dieser Musik aufgewachsen, daher verstehe ich sie besser und fühle mich ihr stärker verbunden, weshalb ich mich sehr dafür begeistere.
Was unterscheidet Deiner Meinung nach ein „gutes“ Musikbuch von einem, das wirklich Zeitlos ist?
Eines, das eine authentische und interessante Geschichte zu bieten hat und nicht nur auf die Schaffung von Mythen ausgerichtet ist. Mit anderen Worten: Substanz statt Oberflächlichkeit.
| Auch die 1990er Jahre waren eine Blütezeit der Musik – und dabei kam man an einem Singer-Songwriter nicht vorbei: Die Stimme der 1990er-Jahre |
In BACKSTAGE PASS: THE GRIT AND THE GLAMOUR und LOUDER THAN WORDS: BEYOND THE BACKSTAGE PASS beleuchtest du auch die Schattenseiten der Musikindustrie. Hat die Recherche dazu deine Sicht auf die Branche verändert?
Nein, das tat es nicht, denn ich kannte diese Seite des Geschäfts bereits, da ich sie in meinem eigenen Leben als berufstätiger Musiker erlebt und miterlebt habe. Leider liegt das einfach in der Natur der Sache.
. Für LOUDER THAN WORDS: BEYOND THE BACKSTAGE PASS hast du sogar Bryan Adams dazu bewegt, ein Vorwort zu schreiben. Wie schaffst du den Spagat zwischen kritischer Distanz und persönlichen Beziehungen?
Es ist nicht einfach, aber da ich selbst Musiker bin, fällt es mir leichter, die Denkweise eines Künstlers nachzuvollziehen. Wenn man also Kritik übt, kann man dies auf eine Weise tun, die konstruktiv, verständnisvoll und ausgewogen ist, anstatt einfach nur abwertend zu sein.
In THE MAKING OF ABBA – THE STORY BEHIND THE BAND’S 1975 BREAKTHROUGH ALBUM konzentrierst Du dich die Entstehung eines bestimmten Albums – warum hast Du gerade dieses ausgewählt?
Ich habe dieses Album ausgewählt, weil es das Album ist, auf dem ABBA endlich ihren eigenen Stil und Sound gefunden und diesen für immer festgehalten hat – den unverkennbaren Sound von ABBA. Ich wollte es nicht nur aus der Perspektive eines Fans, sondern auch als Musiker erkunden. Außerdem war es das allererste ABBA-Album, das ich mir mit zehn Jahren gekauft habe, und es hat mich zu einem lebenslangen Fan gemacht.
| Der Moment, in dem ABBA sich selbst erfanden: Unser Review zu Joe Materas Buch |
Du genießt ja ein hohes Ansehen für deine Interviews. Was macht für Dich ein wirklich großartiges Musikinterview aus?
Es geht darum, spannende Fragen zu stellen, die gut recherchiert und ganz und gar die eigenen sind – und nicht die Art von Standardfragen, die jeder andere auch stellt. Künstler werden Dir als Musikjournalist mehr entgegenkommen, wenn Du zeigst, dass Du Dich aufrichtig für sie und ihre Kunst interessierst. Umso mehr, wenn Du selbst Musiker bist!
Gibt es ein bestimmtes Interview, auf das Du besonders stolz bist – und warum?
Im Oktober 2002 traf ich Sir George Martin, der als der „fünfte“ Beatle galt, und interviewte ihn. Eine Rocklegende. Daran kommt nichts auch nur annähernd heran.
Hat Dich ein Interview jemals völlig überrascht oder eine unerwartete Wendung genommen?
Ja, vor vielen Jahren führte ich ein Telefoninterview mit Slash von „Guns N’ Roses“, und mir standen dafür nur 20 Minuten zur Verfügung. Als wir uns der 19-Minuten-Marke näherten, wurden wir von seinem Pressesprecher unterbrochen, der mir riet, das Interview zu beenden, da unsere Zeit fast abgelaufen sei. Überraschenderweise antwortete Slash: „Nein, ich entscheide, wann das Interview endet, ich möchte mich weiter mit Joe unterhalten.“ Also unterhielten wir uns noch etwa 20 Minuten lang. Er sagte mir, dass es ihm Spaß mache, mit mir über Gitarren und Musik zu sprechen.
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Wie hat sich Deiner Meinung nach der Musikjournalismus im digitalen Zeitalter verändert? Und glaubst Du, dass traditionelle Musikbücher im Zeitalter von YouTube und Podcasts noch eine Zukunft haben?
Der Musikjournalismus hat sich im digitalen Zeitalter stark verändert, vor allem was die Art und Weise betrifft, wie er konsumiert wird. Heute kann man ihn jederzeit online lesen, und die meisten Artikel sind kostenlos verfügbar, während man ihn früher, in den Zeiten der Printmedien, nur lesen konnte, wenn man eine Zeitschrift oder Zeitung kaufte. Ich bin eher altmodisch, daher glaube ich, dass es nach wie vor einen Platz für traditionelle Musikbücher gibt. Ich kaufe tatsächlich immer noch Bücher und lese lieber gedruckte Bücher als digitale. Dennoch glaube ich, dass es wichtig ist, sowohl gedruckte als auch digitale Versionen anzubieten, da man so die Wahl hat, womit man sich am wohlsten fühlt.
Auch als Musiker hast du beachtliche Erfolge erzielt. „The Lone Runner“ stieg auf Platz 4 der australischen ARIA Jazz- und Blues-Charts ein und hielt sich mehrere Wochen lang in den Top 10. Hast du dir während oder nach den Aufnahmen jemals überlegt, dass vielleicht eines Tages jemand ein Buch darüber schreiben könnte?
Ich würde mich sehr freuen, wenn jemand ein Buch darüber schreiben würde, denn hinter diesem Album steckt eine interessante Geschichte, und auch die Entstehungsgeschichte ist spannend. Falls also ein Autor Interesse hat, hat er meine volle Unterstützung, und er kann sich gerne bei mir melden, wenn er alle Geschichten dazu hören möchte.
Wenn Du angehenden Musikjournalist*innen nur einen Rat geben könntest, welcher wäre das?
An sich selbst zu glauben, eine echte Leidenschaft für diesen Beruf zu haben und vor allem Durchhaltevermögen zu zeigen.
Vielen Dank fürs das Interview.
Das Gespräch führte FLORIAN TRITSCH
Autor: Joe Matera
Seiten: 80 Seiten
Verlag: Sonic Bond
Verkaufsstart: veröffentlicht