05. September 2026
Tsubasa ist zurück auf dem Platz
CAPTAIN TSUBASA 2: WORLD FIGHTERS ist weniger eine klassische Fußballsimulation als vielmehr eine spielbare Liebeserklärung an eine Manga- und Anime-Reihe, die den Fußball in Japan nachhaltig geprägt hat. Für Fans ist das eine ziemlich unterhaltsame Zeitreise zurück in die Welt von Tsubasa, Kojiro, Genzo und Co. Und für alle anderen gilt: Erst einmal den Anime anschauen – danach macht das Spiel vermutlich gleich deutlich mehr Spaß.

Die Geschichte der Captain-Tsubasa-Reihe ist lang – sehr lang. Und für alle, die nicht gerade zu den großen Manga- und Animekennern gehören, kann es durchaus etwas schwierig sein, bei all den verschiedenen Serien, Fortsetzungen, Filmen und Zeitsprüngen den Überblick zu behalten. Bevor wir uns also CAPTAIN TSUBASA 2: WORLD FIGHTERS widmen, lohnt sich ein kleiner Blick zurück. Denn Tsubasa Ohzora kickt bereits seit mehr als vier Jahrzehnten für Ruhm und Ehre.
Und gerade beim Fußball hatte Takahashi etwas vor
Beginnen wir ganz am Anfang: 1981 veröffentlichte Mangaka Yōichi Takahashi in der Manga-Wochenzeitschrift „Shōnen Jump“ erstmals seine Geschichte über den Grundschüler Tsubasa Ohzora und dessen großen Traum: Er möchte der beste Fußballspieler der Welt werden.
Nun könnte man an dieser Stelle natürlich einwenden, dass das Konzept, einen jungen Menschen auf dem Weg zum weltbesten Sportler zu begleiten, nicht unbedingt neu war. Schließlich wollte bereits ein Jahrzehnt zuvor Mila in „Mila Superstar“ die beste Volleyballspielerin der Welt werden und war damit noch lange nicht die Erste. Davor gab es beispielsweise „Kyojin no Hoshi“ in der Kyojin no Hosh der beste Baseballspieler der Welt werden wollte, oder … na ja lassen wir das. Vermutlich gibt es für jede Sportart (mindestens) einen Manga, in dem wir einen jungen Menschen aus Japan dabei begleiten der oder die Beste der Welt zu werden.
Aber wer will das schon kritisieren – der Weg vom Nachwuchstalent zum gefeierten Profi bietet schließlich alles, was ein gutes Drama braucht: Rivalen, Freundschaften, Niederlagen, Comebacks und natürlich jede Menge Pathos.

Eine kurze Reise durch die Welt von Captain Tsubasa
Was man sich heute und vor allem hierzulande kaum noch vorstellen kann: Fußball war in Japan in den 1980er-Jahren ein echter Nischensport. Eine große Fußballtradition wie in Europa gab es nicht. Takahashi selbst war durch die Fußball-Weltmeisterschaft 1978 in Argentinien zum Fan geworden und wollte seine Begeisterung für den Sport mit seinen Lesenden teilen. Also ließ er Tsubasa antreten – und landete damit einen Volltreffer.
Der Manga entwickelte sich schnell zum Hit, wurde in zahlreiche Sprachen übersetzt und machte den Sport in Japan einem jungen Publikum schmackhaft. Schon bald folgte die erste Anime-Adaption. 128 Folgen umfasste die Serie und wurde bei uns unter dem Titel „Die tollen Fußball-Stars“ ausgestrahlt. Für viele deutsche Fans war Tsubasa damit der erste Kontakt mit Anime überhaupt.
Doch mit dem Ende der ersten Serie war längst nicht Schluss. In „Captain Tsubasa – World Youth Hen“ sind Tsubasa und seine Freunde inzwischen älter geworden. Nach der Schule verfolgen sie ihre Fußballkarrieren weiter und kämpfen sich schließlich bis zur Weltmeisterschaft vor. Und auch das sollte nicht Tsubasas letzte Reise auf die große internationale Fußballbühne sein.
Es folgte die dritte große Anime-Serie „Super Kickers 2006 – Captain Tsubasa“. Der deutsche Titel ist allerdings etwas irreführend, denn die Serie entstand eigentlich im Vorfeld der Fußball-Weltmeisterschaft 2002, die in Japan und Südkorea ausgetragen wurde. Die Gelegenheit war natürlich perfekt: Japan war erstmals selbst Gastgeber einer Fußball-WM und Captain Tsubasa gleichzeitig eine der bekanntesten Fußballmarken des Landes. Leider hat man das in Deutschland etwas verpennt und die Serie erst auf den heimischen Markt gebracht als die WM „zu Gast bei Freunden“ war.
Ergänzt wurde das Ganze – wie bei erfolgreichen Anime-Serien üblich – durch zahlreiche Filme, weitere Manga-Reihen und natürlich durch Videospiele. Denn selbstverständlich machten Tsubasa und seine Freunde auch auf den Spielkonsolen Karriere.
Vom Famicom zum weltweiten Verkaufshit
Die Reise begann bereits 1988 mit einem Spiel für das legendäre Super Famicom, Nintendos japanisches Pendant zum Super Nintendo. Über die folgenden Jahrzehnte erschienen einige weitere, eher kleiner, Titel, bevor 2020 mit „Captain Tsubasa: Rise of New Champions“ ein neues großes Kapitel auf den Konsolen aufgeschlagen wurde.
Für Publisher Bandai Namco Entertainment erwies sich das Spiel dabei als durchaus lukrative Angelegenheit. Allein die Nintendo-Switch-Version verkaufte sich in der ersten Woche in Japan fast 17.000 Mal (!), und das war nur der Anfang. Innerhalb des ersten halben Jahres wurden plattformübergreifend mehr als eine halbe Million Exemplare verkauft. Da darf man sich durchaus fragen, warum die Fortsetzung anschließend rund sechs Jahre auf sich warten ließ. Wenn man bedenkt, dass der Mitbewerber EA Sports seine Fußballreihe „EA Sports FC“ seit 1993 jährlich auf den Markt bringt – auch wenn sich der Reihentitel ab und an geändert hat –, dann ist das schon erstaunlich.
Vielleicht muss man Bandai Namco zugutehalten, dass man die Marke nicht mit halbherzigen Fortsetzungen überfrachten wollte. Doch hat sich das Warten auf CAPTAIN TSUBASA 2: WORLD FIGHTERS tatsächlich gelohnt?
Fußball? Ja. Simulation? Auf keinen Fall.
Eines macht das Spiel jedenfalls sofort klar: Es bleibt seiner Vorlage treu. Wer hier eine ernsthafte Fußballsimulation erwartet, ist definitiv falsch. Mit einem realistischen Vertreter des Genres hat CAPTAIN TSUBASA 2: WORLD FIGHTERS ungefähr so viel gemeinsam wie ein Cronut mit Diätkost.
Denn Captain Tsubasa war schließlich nie dafür bekannt, sich besonders streng an die Regeln der Physik zu halten. Das Spiel setzt daher genau dort an, wo auch Manga und Anime ihre Stärken haben: bei völlig übertriebenen Spezialschüssen, spektakulären Bewegungen, teilweise erstaunlich langen, mit Inbrunst vorgetragenen Dialogen und Monologen. Wer die Reihe kennt, wird sich also schnell heimisch fühlen.
Wie bereits im Vorgänger „Captain Tsubasa: Rise of New Champions“ gibt es auch diesmal die Möglichkeit, entweder die Rolle eines selbst erstellten Charakters zu übernehmen oder Tsubasa auf seinem Weg bis zur Weltmeisterschaft zu begleiten. Schon bei der Erstellung des eigenen Spielers gibt es zahlreiche Möglichkeiten zur Personalisierung. Was dabei erlaubt ist, würde vermutlich so ziemlich gegen sämtliche FIFA-Statuten verstoßen – aber wir befinden uns schließlich in der Welt von Captain Tsubasa. Und dort gelten wie erwähnt eigene Regeln.

Spektakulär, aber gewöhnungsbedürftig
Sehr gelungen ist das anfängliche Tutorial. Hier darf man nicht nur die grundlegenden Mechaniken kennenlernen, sondern bekommt gleichzeitig bereits ein wenig Story serviert. Das motiviert und sorgt dafür, dass man nicht das Gefühl bekommt, erst einmal eine trockene Bedienungsanleitung durcharbeiten zu müssen. Man merkt das Bandai Namco sich mit Anime-Lizenzen auskennt.
Nötig ist das Tutorial allerdings auch. Denn die Steuerung ist alles andere als intuitiv. Gerade zu Beginn dauert es eine Weile, bis man versteht, welche Taste für welche Aktion zuständig ist und wie man die verschiedenen Manöver sinnvoll miteinander kombiniert. Hat man den Dreh allerdings erst einmal raus, entwickelt das Spiel einen ganz eigenen Spielfluss.
Und dann wird es spektakulär. Da fliegen die Spieler über den Platz, Spezialschüsse verwandeln den Ball in eine Art Geschoss und Tacklings sehen teilweise eher so aus, als gelten WWE-Regeln.
Ein Fest für Fans
Das Spiel versucht dabei gar nicht erst, Captain Tsubasa neu zu erfinden. Stattdessen nimmt CAPTAIN TSUBASA 2: WORLD FIGHTERS die bekannten Zutaten, packt sie in ein modernes Videospiel und lässt die Spieler noch einmal selbst erleben, was die Serie seit Jahrzehnten ausmacht. Wer mit dem Manga oder Anime aufgewachsen ist, dürfte beim Spielen regelmäßig ein kleines Déjà-vu erleben. Zahlreiche bekannte Figuren, Spezialtechniken und ikonische Momente finden ihren Weg ins Spiel. Und spätestens wenn eine der bekannten Techniken wie Tsubasas Top-Spin über den Bildschirm fegt, dürfte beim einen oder anderen langjährigen Fan durchaus ein kleines Tränchen der Nostalgie aufkommen.
Neben dem Story-Modus gibt es natürlich auch die Möglichkeit, online oder lokal gegen andere Spieler anzutreten. Gerade der lokale Mehrspieler-Modus wirkt zu Beginn allerdings etwas überschaubar. Es gibt nur eine begrenzte Auswahl an Spielstätten und Teams. Weitere Inhalte müssen erst über den Story-Modus freigespielt werden. Das ist nicht unbedingt dramatisch, sorgt aber dafür, dass der Mehrspielerbereich zunächst etwas weniger umfangreich wirkt, als man vielleicht erwartet hätte.
Fazit
Keine Frage: CAPTAIN TSUBASA 2: WORLD FIGHTERS macht Spaß. Wer allerdings eine realistische Fußballsimulation sucht, wird hier vermutlich schnell das Weite suchen. Wer dagegen schon immer wissen wollte, wie es sich anfühlt, mit einem Spezialschuss ein halbes Stadion in Angst und Schrecken zu versetzen, während die Spieler auf dem Platz physikalische Grundregeln ignorieren, ist hier genau richtig.
Plattform: PlayStation 5, Nintendo Switch, Windows, Xbox Series X|S
Publisher: Bandai Namco Entertainment
USK: ab 6 Jahren
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