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16. Juni 2026


Von: FRANK KALTOFEN

Ein Krieg, der schon so viel länger dauert

Mehr als vier Jahre Krieg in Europa. Wer hätte sich das vor fünf oder sechs Jahren vorstellen können? Luftalarm zerreißt seit Jahren die Nächte europäischer Städte wie Kyjiw oder Charkiw. Mit Sirenen und Einschlägen beginnt auch der Comic EINE KURZE GESCHICHTE EINES LANGEN KRIEGES: Die Protagonistin, eine junge Studentin, wird aus dem Schlaf gerissen, ihr Smartphone vermeldet „Bedrohung durch Angriffsdrohnen, alle in die Luftschutzräume“. 

Die Journalistin und Historikerin Mariam Naiem, selbst in Kiew geboren, hat diesen Sachcomic geschaffen, gezeichnet von Yulia Vus und Ivan Kypibida, beide ebenfalls aus der Ukraine. „Eine kurze Geschichte eines langen Krieges: Russland gegen die Ukraine“ – so der vollständige Titel – ist im grafischen Stil cartoonig, mitunter fast karikaturesk, was das Lesen trotz der sehr düsteren Thematik weniger einschüchternd macht, nicht zuletzt für jüngere Leserinnen und Leser. 

Das nimmt dem Band aber absolut nichts von seiner Ernsthaftigkeit. Es kommt dabei nicht allzu häufig vor, dass ein Comic – selbst ein Sachcomic – mit Anmerkungen und Quellenbelegen ausgestattet ist. Hier sind es ganze 89 an der Zahl; bei einem Gesamtumfang von rund 100 Seiten wäre das selbst für ein reines Sachbuch beachtlich. 

EINE KURZE GESCHICHTE EINES LANGEN KRIEGES ist insofern quasi ein reich bebildertes Sachbuch: für einen Comic sehr viel Text, sehr viele historische Namen, Symbole, Personen. Und das ist keine leichte Lektüre nebenher – vor allem dann, wenn man ohne Vorkenntnisse herangeht. Mariam Naiem erzählt die Geschichte zudem nicht streng chronologisch: In der Rahmenhandlung im heutigen Luftschutzbunker werden immer wieder historische Aspekte angesprochen und diese dann in Rückblenden vertieft. Etwa die Diskriminierung des Russischen Kaiserreichs gegen die ukrainische Sprache ab dem 18. Jahrhundert. Der Holodomor in der Stalinzeit. Die Orange Revolution von 2004. Der Euromaidan 2013/2014 – für die Ukrainer die „Revolution der Würde“ (Revoljucija hidnosti). 

Immer wieder ist dies eine Geschichte von Selbstbestimmung. Immer wieder rückt sie das Land in den Fokus internationaler Aufmerksamkeit. Aber auch in den Fokus des östlichen Nachbarn. Was folgt: die Annexion der Krim ab Februar 2014; Russlands Unterstützung von Separatisten in der Ostukraine. Und natürlich der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine ab dem 24. Februar 2022. Der „lange Krieg“ Russlands gegen die Ukraine, so zeigt der Comic, war da aber schon längst im Gange. Was Naiem, Vus und Kypibida aber auch zeigen, sind Reaktionen innerhalb ihres Landes: der Zusammenhalt, die Spenden für die ukrainischen Streitkräfte aus der Zivilgesellschaft. 

Man sollte – nein: Man kann – hier keine „neutrale“ Sicht auf die Dinge erwarten. Die Bildsprache ist unmissverständlich: So speit der russische Doppeladler bereits Feuer im historischen Rückblick. Zugleich liefert dieser Comic aber eben auch Belege zu den genannten Zahlen und Fakten. Der Verlag spricht von einem „Sachbuch, das ausschließlich von Ukrainer*innen geschrieben und illustriert wurde“. In dieser Hinsicht ist dieser Comic vermutlich einzigartig auf dem deutschen Markt. 

Vor allem aber führt er uns auf eindrückliche Weise vor Augen, dass junge Menschen in der Ukraine sich heute – jetzt gerade, im Jahr 2026 – darüber klar sein müssen, wo der nächstgelegene Luftschutzbunker liegt. Gedanken, die wir hierzulande Gott sei Dank nur aus Erzählungen unserer Großeltern oder Urgroßeltern kennen.

Titel: EINE KURZE GESCHICHTE EINES LANGEN KRIEGES
Text: Mariam Naiem
Zeichnungen: Yulia Vus, Ivan Kypibida
Verlag: Avant
Seiten: 104 Seiten

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