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Teilzeit-Anarchie im Musikbusiness

Nach fünf Jahren endlich auch auf Deutsch: Das witzige Biopic CREATION STORIES: DER MANN, DER OASIS ENTDECKTE der „Trainspotting“-Macher liegt auf einer Blu-ray voller Extras vor. 

„Trainspotting – Neue Helden“ (1995) wurde durch seinen schonungslosen Realismus gepaart mit inzwischen ikonische surreale Szenen (krabbelndes Baby an der Decke, Abtauchen in einem schmutzigen Klo nach einem Opiumzäpfchen) und seine rasante Inszenierung zu einem vorwärtspreschenden Soundtrack zum internationalen Erfolg. In diesem Geist steht auch das launig erzählte Biopic CREATION STORIES, das mehrere „Trainspotting“-Beteiligte wieder vereint: Danny Boyle fungiert als ausführender Prozent, Romanautor Irvine Welsh lieferte das Drehbuch – und Ewen Bremmer, der 25 Jahre früher noch die gutmütige Labertasche Spud verkörperte, steht die Rolle des überkandidelten Junkies immer noch wie angegossen.  

Anfang der 80er Jahre verschlägt es den jungen Paradiesvogel Alan Mc Gee (Leo Flanagan) aus dem piefigen Glasgow nach London, wo er mit seiner Band „The Laughing Apple“ Karriere machen will. McGee gründet zusammen mit weiteren semi-erfolgreichen Musikern das chaotische und stets klamme Independent-Label Creation Records, das Platten namenhafter Bands wie The Jesus and Mary Chain, Primal Scream und My Bloody Valentine veröffentlicht. Später springt Drogenjunkie McGee (in älteren Jahren gespielt von Ewen Bremmer) auf den Trend des Acid House auf – und entdeckt eine unscheinbare Pop-Band, die wegen eines Problems mit dem Promoter eigentlich schon aus einem Club geworfen werden sollte: Oasis. Doch einhergehend mit dem raketenhaften Erfolg der Brit-Pop-Formation zeigen sich beim Label-Chef immer stärker die Folgen des dauerhaften Drogenkonsums…

CREATION STORIES ist wie eine rauschhafte Party: Mit ungebremstem Tempo erzählt das Biopic von Nick Moran („The Kid“) vom Aufstieg eines exzentrischen Unternehmers, dessen erste Geschäftsidee im extrem frühen Verkauf einer Tageszeitung bestand. Gerade bei den miefigen, engen Clubs überzeugt das stimmige Zeitkolorit, zahlreiche kleine Bausteine in der Geschichte des Labels von der Gründung bis zum Einstieg von Sony und seinem Niedergang werden dabei eher vage über die Beteiligung vom dauerbedröhnten McGee und mit zuweilen schwindelerregenden Bandname-Dropping aneinandergereiht. Dabei scheint im Skript von Irvine Welsh immer wieder viel schräger Humor durch: Das Ankommen in der ersten Londoner WG mit einem Nihilisten, der krasse Beat einer Spülmaschine und Koksen auf einer vollgeschissenen Toilette („Trainspotting“ lässt grüßen) sind nur drei Stichworte für Situationskomik. 

CREATION STORIES atmet damit den Geist einer ganzen von innovationen wie Experimenten geprägten Epoche in der Musikgeschichte – die auch in umfangreichen Extras auf der Blu-ray von Pandastorm noch einmal aufleben kann. Herzstück ist die schwarz-weiße und mit stilisiertem Bildrauschen angereicherten Doku „Upside Down: Die Creation Records Story“ (Laufzeit allein: 100 Min.) aus dem Jahr 2010, in der McGee selbstkritisch die eigene Sucht und den Niedergang der Independent-Labels reflektiert und Musiker wie Oasis-Frontmann Noel Gallagher zu Wort kommen. Sie gibt einen Einblick in zwei musikalisch wilde und einflussreiche Jahrzehnte, aus der man nicht ohne eine neue Playlist hinausgeht. Auf meiner ist jedenfalls die rotzige Perle „Part Time Punks“ von Television Personalities gelandet – und ich habe von ihr noch nie zuvor etwas gehört.

LUTZ GRANERT

Titel: CREATION STORIES: DER MANN, DER OASIS ENTDECKTE
Label: Pandastorm Pictures
Land/Jahr: GB/USA 2021
FSK & Laufzeit: ab 12, ca. 110 Min.
Verkaufsstart: veröffentlicht

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