Der Vermittler
Korruption, Kontrolle, Konsequenzen – THE NEGOTIATOR knistert vor kalter Kalkulation und liefert lange ein Lehrstück in Sachen leiser, lauernder Spannung. Nur kurz vor Schluss stolpert der Film über seine eigenen Ambitionen.
Manchmal sind es die leisen Karrieren, die die lautesten Treffer landen. David Mackenzie gehört genau in diese Kategorie: früh gefeiert im Kurzfilm-Kosmos, später mit „Young Adam“ ins Bewusstsein eines breiteren Publikums gespült – und zwischendurch auch mal gründlich gestrauchelt. Ja, „Toy Boy“ war eher ein filmisches Versehen als ein Volltreffer. Doch Mackenzie wäre nicht Mackenzie, wenn er sich davon dauerhaft hätte aufhalten lassen. 2016 folgte daher der vierfach für den Oscar nominierte „Hell or High Water“ und der durchaus Interessante „Outlaw King“. Dann wurde es wieder recht still um den Filmemacher.
Mit THE NEGOTIATOR meldet er sich nun zurück – konzentriert, kontrolliert, konsequent. Im Zentrum steht Ash, gespielt von Riz Ahmed – ein Mann, der zwischen den Fronten vermittelt, aber keineswegs neutral ist. Sein Geschäft: Schweigen. Seine Methode: Bestechung. Seine Moral: flexibel. Ahmed spielt ihn mit einer Mischung aus kühler Kalkulation und ohne viele Worte, was bemerkenswert gut funktioniert.
Dann tritt Sarah auf den Plan, verkörpert von Lily James, und bringt Ashs fragile Ordnung ins Wanken. Ihr Wissen über einen skrupellosen Biotech-Konzern wirkt wie ein Streichholz in einem Raum voller Benzindämpfe. Plötzlich geht es nicht mehr nur um Deals, sondern um Leben und Tod. Letzteres in Form einer skrupellosen Spezialeinheit unter anderem mit Sam Worthington, die eher jagt als verhandelt.
Was THE NEGOTIATOR dabei besonders stark macht, ist seine Atmosphäre: dicht, düster und vor allem: glaubwürdig. Mackenzie inszeniert das alles mit einem feinen Gespür für Tempo und Timing. Die Spannung schleicht sich an, baut sich beharrlich auf und bleibt lange bedrückend präsent.
Doch dann, kurz vor Schluss, passiert etwas, das man fast schon als klassischen Thriller-Fehltritt bezeichnen kann: Der Film verliert die Nerven. Wo vorher noch kühle Konsequenz herrschte, regiert plötzlich eine gewisse Lust am Übertriebenen. Das Finale wirkt, als hätte jemand kurz den Realitätsregler runtergedreht. Das ist ärgerlich, keine Frage. Aber es reißt den Film nicht komplett ein. Zu stark ist das, was davor passiert. Zu präzise die Figurenzeichnung, zu sauber die Spannungsarchitektur.
PETER ELWE
Regisseur: David Mackenzie
Label: Leoninie
Land: USA 2024
FSK: 16
Veröffentlichung: Veröffentlicht
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