Liebe zwischen Mythos und Realität
Was macht einen Menschen aus? Ist es die Sprache, die Fähigkeit, künftige Ereignisse vorauszudenken oder ist es die Seele, die wir uns zusprechen? Diese Fragen rotieren um den Anime AME & YUKI - DIE WOLFSKINDER. Der Film erzählt zärtlich die Geschichte einer Mutter die zwei ungewöhnliche Kinder in einer rauen Welt großzieht - und dabei viel Liebe spendet.
Der Anime umspannt eine Geschichte von 13 Jahren und beginnt mit der 19-jährigen Studentin Hana. Sie verliebt sich in ein schüchternen und zurückhaltend aber zugleich überaus liebevollen Mann, der sich später als Wolfsmensch zu erkennen gibt. Einen Hybrid aus Wolf und Mensch. Trotzdem erschafft ihre Liebe zwei Kinder: Yuki, was Schnee bedeutet und Ame, was Regen bedeutet. Yuki ist das aufgedrehte Mädchen, ihre Bruder nimmt die Wesenszüge seines Vaters in Beschlag - er ist schüchtern und ruhig.
Um die Kinder zu schützen, entscheidet sich das Paar, das Geheimnis ihrer „Wolfskinder“ zu hüten und lebt in einem Haus am Stadtrand. Eines Tages jedoch, stirbt Hanas große Liebe bei einem Unfall. Allein, ohne den Vater der die Hürden beiden Blutes kennt, entscheidet sich Hana aufs Land zu ziehen, wo ihre Kinder beide Körperformen - Wolf und Mensch – erforschen können, ohne neugierige Blicke auf sich zu ziehen.
Doch dann ändert sich alles, als Yuki sich ihre Mutter überreden kann, die Grundschule zu besuchen - ihre Wolfsidentität muss sie natürlich geheim halten. Ihr Bruder, der ein Jahr später nachkommt, fühlt sich schnell unwohl und sucht immer häufiger Zuflucht in den Bergen. Mit der Zeit fühlt sich Yuki ihrer menschlichen Seite näher, Ame hingegen seiner Wölfischen – nichts bleibt, wie es war.
Ein kultureller Kern
Trotz aller Fiktion – die Geschichte der beiden Wolfskinder fußt auf realen, kulturellen Motiven. Der Honshū-Wolf und der Hokkaidō-Wolf werden auch als Japanischer Wolf (日本狼, Nihon-Ōkami, wörtlich: „Japan-Wolf“) bezeichnet. Beide Wolfsarten gelten in Japan als ausgestorben, sie wurden vom Menschen bejagt und so ausgerottet - und das, obwohl der Wolf in der Folklore als wohlwollende Mischwesen oder gar Götter gesehen werden. Hinas Mann wird im Film sogar explizit als Nachfahre dieser vorgestellt.
Hina hat zurecht Angst, ihren Kindern könnte etwas zustoßen, gerade im jungen Alter gleicht ihrer Wolfsform der des Honshū-Wolf, der bis heute als kleinste Wolfsart zählt. Mit ihren Kräften, die sie auch in menschlicher Form nutzen können, wie etwa ihre Krallen, könnten sie zudem als Bedrohung gelten und von anderen ausgestoßen werden.
Damit verknüpft Regisseur Mamuro Hosoda moderne Familienrealität mit einem Hauch von Shintō-Mythologie – nicht als historisches Faktum, sondern als atmosphärische Grundlage. Die Wolfskinder stehen sinnbildlich für Kinder, die zwischen zwei Welten aufwachsen: Tradition und Moderne, Natur und Gesellschaft, Freiheit und Anpassung.
Zwischen Naturpoesie und Alltagsbeobachtung
Visuell ist AME & YUKI - DIE WOLFSKINDER ein Meisterwerk. Studio Chizu, Hosodas eigenes Studio, kombiniert brillante Naturbilder mit weichen, klaren Farbverläufen, wobei die Macher alles auffahren, was es in der Natur zu finden gibt. Trübe Wintertage in tristem Grau, lauschige Sommertage mit warmen Sonnenstrahlen verbracht in einem Feld aus weißen Blumen und natürlich Regengeplätscher auf der Veranda eines alten, japanisches Hauses mit Schiebetüren und Holzverkleidung.
Das ländliche Japan hat in dem Anime sein Zuhause gefunden. Die Liebe zu den kleinen Details und sei es ein Schmetterling, der über die Blumen tanzt, lassen das Werk so lebendig wirken, als würde man eine Naturdoku von National Geographic bewundern. Stille Momente erhalten Raum, die Kamera verweilt lange auf den Figuren, ohne dabei aufdringlich zu wirken. So schafft es Hosoda, dass Natur und Figur selbst zu Erzählern werden - perfekt für eine Geschichte, die die Auseinandersetzung mit dem wölfischen und menschlichen Ich zeigt.
Wie ein feiner Atemzug wirkt dazu die Musik von Takagi Masakatsu. Er schrieb schon Musik für den Anime „Mirai“, ein nicht weniger familienfreundlicher Film. Mit AME & YUKI - DIE WOLFSKINDER greift Masakatsu tief in die Kiste japanischer Instrumente. Koto, Shamisen und die Bambusflöte finden ihren Weg in die Noten. Wie die Kamera in manchen Szenen, bleiben seine Klänge unaufdringlich. Vielmehr begleitet sie die Figuren auf ihren selbst gewählten Pfaden wie ein stiller Zeuge ihres Wachstums.
Fazit
AME UND YUKI – DIE WOLFSKINDER ist ein berührender, visuell poetischer Film über Familie, Identität und das Erwachsenwerden. Er verbindet Alltagsrealismus mit mythologischen Elementen, ohne je ins Kitschige abzurutschen. Stattdessen entsteht ein stiller, kraftvoller Film, der lange nachhallt – ein Werk, das sowohl jüngere Zuschauer als auch Erwachsene auf unterschiedlichen Ebenen berühren kann.
LILI SCHMIRGAL
Regie: Mamuro Hosoda
Label: PLAION PICTURES
Land/Herstellungsjahr: Japan 2012
Laufzeit: 117 Minuten
FSK: 6
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