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Retur to Silent Hill

Manche Filme haben bereits nach der Ankündigung kaum Chancen zu bestehen.  Serien wie „Fallout“ oder „The Last of Us“ zeigen aber auch, dass eine gute Umsetzung definitiv möglich ist. Was passiert jedoch, wenn man sich an die Verfilmung von „Silent Hill 2“ macht?

 „Der Herr der Ringe“ galt lange Zeit als unverfilmbar, ehe uns Peter Jackson vom Gegenteil überzeugt hat. Verfilmungen von Videospielen haben es sogar noch schwerer, da die Erwartungshaltung der Fans extrem hoch angesetzt ist. Da gibt es beispielsweise die Tomb Raider Verfilmung mit Angelina Jolie, die bei den Fans gut ankam. Es gibt aber auch ein „Assassin´s Creed“, das lediglich durch seine Effekte glänzte, aber inhaltlich schnell in der Versenkung verschwand. Bei der Erwartungshaltung gibt es so gut wie keine Grauzone. Allein die Ankündigung der Verfilmung von "Silent Hill 2"dürfte bei den Die Hard Fans wie eine Ketzerei geklungen haben. Gerade der zweite Teil der Serie ist aufgrund seiner Atmosphäre, der Geschichte und der tiefgründigen Symbolik eine ganz eigene Liga in Sachen Psychohorror. Splattern ja, Monsterdesign auch ja, aber gerade das zermürbende Spieleerlebnis, in denen der Spieler tiefgründige Schuldgefühle erlebt, ist bis heute definitiv an der Speerspitze der Silent Hill Reihe. Knallharte Themen wie Mobbing, Kindesmissbrauch, Suizid und Mord werden hier intensiv inszeniert und vom Spieler durchlebt. Wie kann ein Film das auf den Zuschauer transportieren?

Die schlechte Nachricht zuerst: gar nicht. Die Erwartungen der Fangemeinde sind einfach zu hoch, was mehr als verständlich ist. Wie kann man also so einen Film am besten inszenieren? Entweder man versucht eine 1:1 Adaption (schwierig, weil gerade die Interaktion mit dem Spieler so intensiv ist) oder man macht etwas völlig anderes (die Erwartungshaltung der Spieler wird zerstört). Christophe Gans hat sich für einen Zwischenweg entscheiden und erntet aktuell im Netz einen Shitstorm nach dem anderen. Doch was kann der Film denn eigentlich?

Ich muss zugeben, dass ich nach den ersten 5 Minuten Angst bekam, aber aus dem falschen Grund; statt einer finsteren Stimmung und emotionalem Tiefgang bekam ich einen sonnigen Ausschnitt zu sehen, der genauso gut ein 90er Jahre Teenie -Film hätte sein können. Zum Glück wurde rechtzeitig die Klischeeschraube zurückgedreht und der Film begann dann erst richtig. Es wurden hier mit vielen Rückblenden gearbeitet, die stellenweise extrem gut inszeniert worden sind. James geht beispielsweise eine alte verrostete Treppe hinauf und kommt wieder in seinem früheren Leben in der Vergangenheit an. Die Rückblenden erzählen viel und fördern die Atmosphäre, kauen stellenweise allerdings zu viel vor und entmystifizieren einiges. Beim Monsterdesign hat man sich an die Spielevorlage gehalten, wobei mir die Krankenschwestern aus der Verfilmung des ersten Teils etwas besser gefallen haben. Seine größte Stärke spielt der Film mit seinen Kamerafahrten (beispielsweise von unten durch die brennenden Blechböden)und vor allem mit dem Soundtrack von Meister Akira Yamaoka aus. Gerade die Atmosphäre ist es, bei der ich mich fallen lassen konnte. Und genau hier ist für mich die Besonderheit, die viele nicht sehen können (oder wollen): je länger ich damals Silent Hill 2 gespielt habe, desto mehr hat es mich emotional zermürbt. Fragen wie „Welcher Alptraum wartet hinter der nächsten Ecke?“ und „Was hat das Monster mit mir zu tun?“ geisterten mir damals durch den Kopf und so ähnlich ging es mir auch während des Films. Dieses Gefühl ist schwer zu fassen und man muss auch über die Schwächen (davon gibt es leider einige in dem Film) hinwegsehen, dann bekommt man einen atmosphärischen Filmtrip serviert. Man kann über die schauspielerischen Fähigkeiten meckern (ich kam gut damit klar), die Tatsache, dass die Liebegeschichte nicht so zündet, wie bei anderen Filmen oder dass die Charaktere nur oberflächlich bzw. stellenweise überflüssig dargestellt werden. Man kann auch die Spezialeffekte und Masken kritisieren, muss aber auch das geringe Budget dabei berücksichtigen. Auch das Aussehen der Charaktere war fernab dessen, was ich als Fan der Reihe erwartet habe. Wo andere lediglich ein Abhaken bestimmter Spieleszenen sehen, empfand ich diese als Anker und Orientierung, in welchem Abschnitt des Spiels wir uns befinden. Das Ende war anders, als ich es erwartet hatte und das ist auch gut so. Es gibt sehr viel zu kritisieren an dem Film und die Erwartungshaltung gegenüber dem Spiel kann es nicht gerecht werden. Allerdings gibt es auch viele positive Aspekte und ich hätte definitiv Lust auf einen weiteren Durchgang.

Fazit: Man muss sich seiner Erwartungshaltung bewusst sein, ehe man über diesen Film urteilt. Ich kann jeden verstehen, der sich vor den Kopf gestoßen fühlt, hemmungslos enttäuscht ist und der nichts damit anfangen kann. Vielleicht bin ich auch nur einer der wenigen, die diesen Film wirklich genossen hat, weil mich die Atmosphäre, der Soundtrack und das Gefühl einfach da abgeholt haben, wo ich es erwartet habe. Genau diese Erwartungshaltung lässt mich diesen Film genießen und hoffen, dass es da draußen auch noch andere Fans der Spielereihe gibt, die sich an den Stärken des Films erfreuen können.  Bei aller Kritik ziehe ich vor Christophe Gans den Hut, dass er seine eigene Vision des Films kompromisslos durchgezogen hat, ohne Rücksicht auf die Erwartungshaltung zu nehmen. Es wird zwar viel gemeckert, analysiert und diskutiert, aber gerade das ist es, was den Film von der Masse abhebt und nicht in der Versenkung verschwinden lässt. Das erinnert mich an eine Szene aus dem ersten Teil von „Fluch der Karibik“, bei dem man Jack Sparrow sagte „Ihr seid der mieseste Pirat, von dem ich jemals gehört habe.“ Jacks Antwort darauf war: „Aber ihr habt von mir gehört.“ Genauso dürfte es Christophe Gans gehen, denn auch wenn er mit allen Erwartungshaltungen bricht, hat er einen Film erschaffen, über den noch lange diskutiert und geredet werden dürfte.

Sebastian Radu Groß

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