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Ein Satansbraten, sie alle zu knechten

SHIN-CHAN terrorisiert (?) seit 1990 die japanische TV-Landschaft – und seit 2002 auch die deutsche. Polyband bringt jetzt die ersten 79 Episoden in einer Sammlerbox heraus und lässt den kleinen Satansbraten einmal mehr auf die Fans der Anime-Gemeinschaft los – oder auf all die, die eine Auszeit vom Alltag brauchen. In Japan ist der Anime noch nicht abgeschlossen.

Die ersten 79 Episoden sind ein wilder Ritt durch den Familienalltag der Noharas. Erzählt wird SHIN-CHAN aus der Sicht des fünfjährigen Shinnosuke, der mit seiner rüpelhaften Ehrlichkeit und seiner schamlosen Direktheit die japanische Gesellschaft auf die Schippe nimmt. Wo Zurückhaltung geübt werden sollte, wird der freche Junge erst recht laut; wo Höflichkeit angebracht wäre, benimmt er sich so daneben, dass kein Fettnapf der Welt groß genug ist, um seine Füße zu halten. Geht SHIN-CHAN mit seiner Mutter einkaufen und steht mit ihr an der Kasse, fragt er schon mal: „Mama, warum hast du so viel Geld für Schminke ausgegeben? Willst du schöner werden, weil Papa dich nicht mehr mag?“

SHIN-CHAN ist nicht weniger als ein lustiges Alltagsdrama um das Familienleben. Mama Misae kämpft mit dem Haushaltsstress und dem Druck, eine vorzeigbare Ehefrau zu sein, während Papa Hiroshi versucht, sein Arbeitsleben zu meistern – und irgendwo ein feiner Mann für seine Herzdame zu sein. Mit seinen unpassenden Kommentaren sorgt Teufelskind Shinnosuke aber nicht nur für Chaos – hinter seinen Äußerungen steckt Satire auf Konsum, Familienrollen und die sozialen Erwartungen im Japan der 90er-Jahre.

Kindhafter Stil mit Idee

Als würde ein Kind mit einem dicken Buntstift über Papier kritzeln und schon die Grundlagen der Anatomie kennen – so lässt sich der visuelle Stil von SHIN-CHAN beschreiben. Dicke, krakelige Linien, keine Schatten und der Einsatz einer simplen Farbpalette dominieren das Bild. Kräftiges Rot, Gelb oder Braun sind die prägenden Farben, Mischfarben wie Lila oder Rosa eher kaum zu sehen – immerhin wird die Geschichte durch die Augen eines Kindes erzählt, der Animationsstil setzt das gekonnt fort.

Wie Kinderbilder wirken die Episoden an manchen Stellen statisch, dafür sind die Gesichtsausdrücke umso übertriebener und reißerischer – vor allem, wenn Mama Misae einen Rabatt findet oder Papa Hiroshi eine hübsche Frau sieht. Da ist es oft ein Wunder, dass keiner Figur die Augen aus dem Kopf kullern. Der Stil aber macht alle Figuren leicht unterscheidbar. Die Gesichter der Erwachsenen sind oft spitz, die der Kinder rundlich – alle mit spezifischen Merkmalen. Mama Misae hat zum Beispiel ein schiefes Kinn und Papa Hiroshi ein sehr glattes, markantes Gesicht.

Ein wenig Kontroverse

Sexuelle Anspielungen und frauenfeindliche Witze machen SHIN-CHAN in Japan und außerhalb nicht unumstritten. Misae als „gestresste Hausfrau“ wird oft als hysterisch dargestellt, wenn sie SHIN-CHAN erzieht oder Geldprobleme hat. Das spiegelt die Erwartung wider, dass Frauen Haushalt und Kinder allein managen. Sexualisierte Witze macht SHIN-CHAN häufig – abwertende Kommentare über Frauenkörper oder freches Verhalten gegenüber Frauen stehen bei ihm an der Tagesordnung. Das ist als kindlicher Tabubruch gedacht, wirkt aber aus heutiger Perspektive problematisch.

Die Serie wollte eigentlich die damaligen Normen humorvoll kritisieren – etwa die Doppelbelastung von Frauen oder die Fixierung auf Schönheit. Allerdings ist die Umsetzung oft so derb, dass die Kritik nicht immer klar erkennbar ist.

SHIN-CHAN ist keine frauenfeindliche Serie im Kern, aber sie nutzt sexistische Klischees als satirisches Stilmittel – das leider nicht immer gut erkennbar ist und durch teils fehlende Intervention der Erwachsenen einen bitteren Nachgeschmack bekommt.

Fazit:

Die ersten 78 Folgen sind chaotisch, manchmal derb, aber immer pointiert. Wer hinter die kindliche Fassade blickt, entdeckt eine Gesellschaftskritik, die bis heute relevant ist – verpackt in frechen Sprüchen und krakeligen Zeichnungen.

LILI SCHMIRGAL

Titel: SHIN CHAN - Die Serie - Boxset Vol. 1-4 inkl. Sticker LTD. - (DIGITAL REMASTERED) 
Regie: Mitsuru Hongo, Keiichi Hara, Yuji Mutoh
Label: Polyband Anime
Land/Herstellungsjahr: Japan / 1990
FSK & Laufzeit: ab 12, ca. 546 Min.
Verkaufsstart: veröffentlicht
  • Erstellt am .