07. September 2026
Märchen und Putzfimmel
Was passiert eigentlich, nachdem das berühmte „… und sie lebten glücklich bis ans Ende ihrer Tage“ verklungen ist? Genau dieser Frage widmet sich AFTER MÄRCHEN. Statt die bekannten Märchen nachzuerzählen, blickt die Autorin auf die Zeit danach und schafft damit einen überraschenden, wenn auch eher düsteren, Einblick in so manches Märchen.
Im Mittelpunkt stehen die Brüder Jacob und Wilhelm, die als Müllsammler arbeiten. Allerdings entsorgen sie keinen gewöhnlichen Abfall, sondern Gegenstände und Erinnerungen aus Märchen, deren Bedeutung längst verloren gegangen ist. Auf ihren Putzreisen begegnen sie Figuren aus bekannten Geschichten wie Schneewittchen, Rapunzel oder Aschenputtel.
Dabei ist nicht alles zu einem „Happily ever after“ geworden. Schneewittchen will ihren Zauberspiegel loswerden, denn der scheint kaputt zu sein und Lügen zu erzählen – ist sie nicht mehr die Schönste …? Und der Prinz um die schöne Cinderella scheint ganz andere Gelüste zu hegen, als die Gefühle seiner Liebsten. Der jüngste der Brüder, Wilhelm, der erst unter Jacob als Müllsammler begonnen hat, möchte die Figuren verstehen – doch rennt dabei in so manches dunkle Geheimnis. Dabei ahnt er nicht, dass sein geliebter Bruder ein noch Schrecklicheres hütet, als er es sich ausmalen kann.
Meisterhaft gezeichnet
Ikuna Tajima beherrscht ihre Kunst meisterhaft. Fast ist es – ähnlich wie bei „Atelier Witch Hat“ –, als wären alte Zeichnungen mittelalterlicher Märchenbücher neu erwacht – allerdings mit etwas mehr „Manga“ in der Strichführung. Ihre Mischung aus japanischer und europäischer Eleganz verleiht ihrem Werk eine ganz eigene Note, die, gepaart mit der düsteren Atmosphäre der Geschichte, Grusel und Nachdenklichkeit schon beim puren Blättern der Seiten erregt. Feine Linien, detailreiche Kostüme – gerade bei den Adelsdamen – und ausdrucksstarke Gesichter verleihen den Figuren eine unverwechselbare Persönlichkeit. Gleichzeitig schaffen die aufwendig gestalteten Hintergründe eine verträumte, beinahe verwunschene Stimmung – die nicht immer so märchenhaft ist – und genauso will es der Manga ja auch.
Dieser Kontrast zwischen der Schönheit der Bilder und den oft nachdenklichen Themen, wirkt sich auf die Panelgestaltung aus. Viele Panels wirken wie Illustrationen aus einem alten Märchenbuch, als die eines japanischen Mangas, und doch fließt beides sanft ineinander. Die Autorin zeigt hier ein hohes Maß an Respekt den alten Märchen gegenüber, verleugnet aber ebenso wenig ihre eigene Herkunft – beides hat sie sowohl in der Handlung als auch in ihrem Zeichenstil perfekt vereint.
Fazit: AFTER MÄRCHEN ist keine klassische Märchenadaption, sondern eine einfühlsame Betrachtung dessen, was nach dem Happy End kommt. Mit seinem ungewöhnlichen Konzept, das Enden der Kapitel und das Schicksal der Figuren offenlässt, ist der Manga keine klassische Nacherzählung alter Märchen sondern fragt, was am Ende auf die Figuren wartet – und dass manch ein Schicksal nicht für immer gut bleibt, trotz vermeintlicher Liebe.
Verlag: Carlsen Manga!
Autorin: Ikuno Tajima
Zeichnerin: Ikuno Tajima
Seitenzahl: 208
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