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Zwischen Kontrolle und Gefühl

Mit MEINE PUPPENPRINZESSIN IST DER BOSS liefert die Mangaka selen eine ungewöhnliche Mischung aus romantischer Komödie, Fantasy und queerer Erzählweise. Selen bricht hier ein wenig mit Genre-Grenzen und scheint diese für sich neu finden zu wollen – es hat ja niemand gesagt, dass nicht auch ein Prinz von der Prinzessin getragen werden und der Boss sein darf.

Im Zentrum der Geschichte steht die Protagonistin Leticia, die zunächst in einer scheinbar klar definierten Rollenwelt lebt: Hierarchien, Erwartungen und gesellschaftliche Normen bestimmen ihren Alltag. Sie soll zerbrechlich, hübsch und absolut zurückhaltend wirken, wie es sich für den Stand einer Prinzessin gehört. Aber abseits der guten Gesellschaft ist sie keine zaghafte, stille Puppenprinzessin, wie sie in Adelskreisen genannt wird.

Leticia ist eine mächtige Magierin, die unter einem ganz anderen Namen und einem anderen Geschlecht gefürchtet ist – dem des „eisigen Drachenkaisers“. Ein Familienschatz ermöglicht ihr die Verwandlung von einer hübschen Prinzessin in einen attraktiven Mann – aber heiraten möge sie bitte dennoch, und zwar Prinz Gilbert, der von allen wegen seiner roten Augen als Dämon gefürchtet wird.

Doch Leticia gibt wenig auf stupide Gerüchte und Halbwahrheiten – für sie reicht es schon, dass Gilbert ihr in Stärke und Kühnheit weit unterlegen ist und sie diejenige sein kann, die ihn beschützt – als sie das erkennt, offenbart sie ihm nicht nur ihre zweite Gestalt, sondern verspricht ihm, an seiner Seite zu bleiben. Aber wie funktioniert die Puppenprinzessin mit einer Geheimidentität neben einem vermeintlich dämonischen Prinzen …?

Queere Ansätze mal anders

Der Umgang mit queeren Themen macht Mangaka selen keine Angst. Wie selbstverständlich wird es akzeptiert, dass die schöne Leticia Magie nutzt, um sich in einen Mann zu verwandeln, den selbst die Unterwelt fürchtet – als Frau ist sie ebenso wenig auf den Mund gefallen, sobald sie einmal ihr Image als „Puppenprinzessin“ fallen lässt.

Ihre Eltern wissen um ihre Aktivität und beschwören sie lediglich, niemand solle herausfinden, wer sie ist, es könnte ja ihre Heirat mit Prinz Gilbert gefährden – der hingegen findet seine Braut in beiden Formen attraktiv und lässt sich zu gerne retten, wenngleich natürlich er sie beschützen wollte. Aber gegen eine ganze Bande grobschlächtiger Banditen hilft Magie eher als mangelndes Kampfeswissen, denn darin ist Gilbert absolut schlecht.

Der offene Umgang mit dieser queeren Thematik zeichnet die Stärke des Mangas aus – Romantik bleibt dabei nicht auf der Strecke. Typisch Shoujo ist Leticia angetan von ihrem Gatten. Seine Verletzlichkeit und doch der Mut, sie schützen zu wollen, lassen sie alle Farben der Liebe fühlen. Gilbert sieht in seiner künftigen Braut gewiss den starken, eisigen Drachenkaiser, aber auch die Frau, die sich für nichts zu fein ist, gleich die fein herausgeputzte Adelsgesellschaft sie als zerbrechlich wahrnimmt – aber sie kennen ja nicht das Biest in ihr. Diese Normalisierung wirkt modern und authentisch – insbesondere im Vergleich zu vielen Genrevertretern, die oft stark auf Fanservice oder stereotype Beziehungsmuster setzen.

Zärtlicher Kontrast

Selen setzt auf klassische Shojo-Ästhetik. Aber das schadet ja bekanntlich nicht, das Werk MEINE PUPPENPRINZESSIN IST DER BOSS lebt ja trotz allem durch die Augen des Mangaka. Feine Linien, sehr zarte Pinselstriche und natürlich der fast krebserregende Einsatz von Rasterfolie dominieren die Paneele der Geschichte.

Jedoch bricht der Eindruck, sobald Leticia ihr wahres „Ich“ spielen lässt. Aus den weichen, mit Blumen gefüllten Seiten werden Episoden aus harten – fast shonenartigen – Blickwinkeln, die als Schattierung lieber Tusche statt der weichen Rasterfolienpunkte nutzen. Den magischen Attacken Leticias – oder besser ihren putzig-gefährlichen Drachen – wird besondere Detailverliebtheit zuteil, sie führen ihre Herrin schnell und gnadenlos zum Sieg.

Ebenso minimalistisch sind die Panels während der Kämpfe gehalten – auf den Punkt wird Fieslingen der Dampf aus dem Ofen geschossen, immerhin soll Leticia in der nächsten Einstellung schwärmend für Gilbert im Land der Mädchenträume schwelgen. Die Wechsel zwischen beiden Realitäten sind dabei erstaunlich flüssig. Gestiken und Mimiken spielen bei allen Figuren eine Rolle und sind sehr gut zu erkennen.

Von der anfänglichen Abscheu Leticias gegenüber Gilbert, über dessen finsteren Gesichtsausdruck bis hin zum Ekel auf dem Gesicht eines Nebencharakters, als eine Figur aus dessen Vergangenheit wieder auftaucht – Augen, die solche Veränderungen sehen, lesen und sehen eine Geschichte mit ihren Details, die gerade in MEINE PUPPENPRINZESSIN IST DER BOSS weit über das Gesagte und Gedachte hinausgeht.

Fazit

MEINE PUPPENPRINZESSIN IST DER BOSS ist laut und ist es nicht. Die queere Thematik ist präsent, grundsätzlich aber stellt der Manga die Frage, ob es denn immer die Damen sein müssen, die beschützt werden müssen – ginge es nicht auch andersherum? Wenngleich Leticia die Form eines Mannes nutzt, um von ihrer Stärke abzulenken – es ist ihre Magie, die so mächtig ist wie ihr Wille. Gilbert überzeugt mit seiner sanften Seite und bedient daher nicht das Klischee des rettenden Prinzen. Aber das will der Manga auch gar nicht sein. Oder anders gesagt: Hinter der „Puppe“ steckt mehr Boss, als man zunächst erwartet – und genau das macht den Reiz dieses Werks aus.

LILI SCHMIRGAL

Titel: MEINE PUPPENPRINZESSIN IST DER BOSS (Band 1)
Autor*innen: Asaki Asagiri, selen
Zeichner: selen
Verlag Deutschland: altraverse

 



 

MEINE PUPPENPRINZESSIN IST DER BOSS, altraverse, queer