Auferstanden fernab von Ruinen
Ein halbes Jahr rutschte der Veröffentlichungstermin nach hinten, aber es hat sich gelohnt: Das Sachbuch HOLLYWOOD AN DER LEINE – FILMSTADT GÖTTINGEN der Herausgeber Sven Schreivogel und Alexander Siebrecht beleuchtet aus vielen Blickwinkeln ein wenig bekanntes Kapitel zur Filmindustrie in Westdeutschland.
Nach dem Zweiten Weltkrieg lagen Berlin und München in Schutt und Asche – und damit auch die deutsche Filmindustrie, die sich bis dahin mit den Atelieranlagen in Babelsberg und am Geiselgasteig auf die beiden Metropolen konzentrierte. Neue Filmstudios wurden neben Bendestorf (nahe Hamburg), in Düsseldorf, Wiesbaden und Göttingen gegründet. In der Stadt an der Leine wohnte eine Tante von Hans Abich, der zusammen mit Rolf Thiele auf dem Gelände des ehemaligen Militärflughafens am Elliehäuser Weg bis zur Eröffnung am 21. August 1948 die Entstehung des Filmaufbau-Ateliers vorantrieb. Bis 1961 wurden dann rund 100 abendfüllende Spielfilme an Schauplätzen rund um und in den Studios von Göttingen gedreht, darunter der Trümmerfilm „Liebe 1947“, der nach seiner Premiere 1949 floppte und eine Neufirmierung unter der Filmatelier Göttingen GmbH notwendig machte, oder mehrere Komödien mit Heinz Ehrhardt wie „Natürlich die Autofahrer“ (1959).
Die Informationen aus dem letzten Satz sind in der filmhistorischen Aufsatzsammlung HOLLYWOOD AN DER LEINE – FILMSTADT GÖTTINGEN mehrfach zu finden, doch die Redundanzen halten sich darüber hinaus zum Glück in Grenzen. Herausgeber sind Sven Schreivogel und Alexander Siebrecht; das Vater-Sohn-Gespann gründete 2019 das Filmbüro Göttingen zur Bewahrung der regionalen Filmgeschichte. Und tatsächlich ist in dem umfangreichen Band ein facettenreiches Bild rund um die Spiel-, aber auch wissenschaftliche Filmproduktion in Göttingen gelungen; einer Stadt, die neben intakter Infrastruktur und seinem kleinstädtischen Charme bei Filmschaffenden auch durch malerische Motive in der Umgebung punkten konnte.
Um das Filmatelier Göttingen GmbH siedelten sich alsbald weitere Unternehmen mit einem Fokus auf Film an. Jörn Barke beleuchtet etwa in seinem Beitrag „Zwei Göttinger schreiben Film-Geschichte“ den Aufstieg der Arca-Filmproduktion GmbH, die ursprünglich aus einer Töpferei hervorging. Der Familienbetrieb unter Leitung von Gero Wecker und seiner Frau Carola Bornée erwarb auf den Filmfestspielen in Cannes 1952 die Rechte am schwedischen Film „Sie tanzte nur einen Sommer“ – der in der noch jungen BRD auch wegen einer freizügigen Badeszene zum Kino-Hit wurde. Später produzierte die Firma die inzwischen zum Kult avancierten „Immenhof“- sowie die damals umstrittenen Aufklärungsfilme von Oswalt Kolle wie etwa „Das Wunder der Liebe“ (1968). Auch der für seinen NS-Propagandafilm „Jud Süß“ berühmt-berüchtigte Filmemacher Veit Harlan drehte für die Arca-Film: „Anders als du und ich“ (1957) setzte sich damals mutig mit Homosexualität auseinander, wobei seine Personalie gerade unter Studierenden für Proteste sorgte.