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Himmlische Lustgefühle

Vom 2. bis 5. Juli 2026 ist der kroatische Künstler Stjepan Sejic Gast der Metropol-Con in Berlin. Zeit sich eines seiner besten Werke anzusehen.Mit FINEPRINT wagt er sich auf neues Terrain – und kombiniert Fantasy, Erotik und Charakterdrama zu einer visuell berauschenden Erzählung. Statt nüchterner Alltagsnähe regiert hier ein köstlich überzeichneter Götterkosmos mit verführerischer Tiefenschärfe.

Der 1981 geborene Stjepan Šejić begann seine Zeichnerkarriere früh – und erfolgreich. Bereits Anfang der 2000er war der gebürtige Kroate an namhaften Comicreihen beteiligt, darunter „X-Men: Endangered Species“, „Aquaman“ oder „Witchblade“. Doch erst mit Beginn der 2010er Jahre trat Šejić richtig ins Rampenlicht der internationalen Comicwelt: mit „Sonnenstein“, einem BDSM-Comic, der nicht nur das Genre aufmischte, sondern auch das Publikum überraschte – und begeisterte.

Ursprünglich war das Ganze nur als kleines Nebenprojekt gedacht – kostenlos veröffentlicht auf der Plattform DeviantArt. Der Plan? Es gab keinen. Doch die Story rund um die nerdige Programmiererin Ally, die sich mit der selbstbewussten Kellnerin Lisa und der bisexuellen Tätowiererin Anne in eine komplizierte emotionale wie sexuelle Reise stürzt, entwickelte sich zum viralen Hit. „Sonnenstein“ war eben nicht bloß ein weiterer Beitrag zur Kategorie „lesbisches BDSM mit viel Fanservice“, sondern eine überraschend ehrliche, tiefgründige und witzige Geschichte über Liebe, Vertrauen und Identität.

Es folgte eine gedruckte Version, die im Original veröffentlicht bei Top Cow prompt Verkaufsrekorde brach – und wie sich herausstellte, war das keine Eintagsfliege: Band 2 erreichte im Mai 2015 sogar die Bestsellerliste der New York Times. Nach einem emotional runden Abschluss mit „Sonnenstein“ Band 6 weitete Šejić das Universum aus und beleuchtete in der (bislang) dreiteiligen Prequel-Reihe „Sonnenstein: Mercy“ die Vorgeschichte seiner Figuren – zuletzt im hierzulande frisch veröffentlichten „Sonnenstein: Mercy“ Band 3, der das Ende von Allys Beziehung mit Alan zeigt, der in der Hauptreihe die wohl wichtigste Nebenfigur ist.

Ein göttliches neues Projekt

Mit seinem aktuellen Projekt FINEPRINT schlägt Šejić nun neue Töne an – zumindest auf den ersten Blick. Tatsächlich gehört die Geschichte jedoch fest zur Welt von „Sonnenstein“. Auch hier zieht sich der Club Crimson als roter Faden durch die Handlung. Doch statt Schlafzimmern und BDSM-Clubs ist die Bühne nun ein surrealer Mix aus Glamourwelt, Großstadt und göttlicher Mythologie.  Die zwischenmenschliche Schärfe, die seine Erzählweise auszeichnet, bleibt dabei erhalten – nur dass diesmal Götter mitreden.

Ob Šejić nun das Fantastische in die „Sonnenstein“-Welt einziehen lässt oder vielleicht auf einer Meta-Meta-Ebene eine von Allys Geschichten erzählt, bleibt bislang offen – gerade dieser Interpretationsspielraum macht die Geschichte natürlich zusätzlich spannend. 

Im Mittelpunkt steht Lauren Thomas. Supermodel, medienerprobt, makellos – und innerlich leer. Das war mal anders, doch dann ließ sie ihre große Liebe für die Verlockungen von Ruhm und Karriere stehen.  Der Versuch, ihren Ex zurückzugewinnen, scheitert grandios. Er ist verlobt, sie am Boden. Statt Selbstreflexion folgt Selbstmitleid. Dann folgt ein überirdischer Besuch, der ihr eine Lösung anbietet …

Denn mit der Erscheinung der Lustgöttin Leliah nimmt Laurens Leben eine Wendung, die man wörtlich als „göttlich“ bezeichnen kann. Es geht um nichts Geringeres als eine zweite Chance – aber mit (vermeintlich) himmlischer Agenda. Der Deal: eine Neuausrichtung ihres Lebens in Sachen Liebe, Lust und Selbsterkenntnis. An ihrer Seite ist eine übernatürliche Entourage, die es in sich hat: die lasziv-direkte Succubus Merryl, der kontrollierte Charmebolzen Thadeus (ein Incubus mit Plan), sowie die süffisant-scharfsinnige Heureca – eine Art göttliche Cupido mit Hang zur pointierten Provokation.

Ungewöhnliche Gratwanderung

Sejić gelingt mit FINEPRINT eine beachtliche Gratwanderung: Zwischen dekadentem Glamour, übernatürlichem Wahnsinn und emotionaler Tiefe bewegt sich die Geschichte sicher und selbstbewusst. Fantasy-Elemente und Erotik sind hier keine Dekoration, sondern zentraler Bestandteil der Erzählstruktur. Die sinnlichen Szenen sind dabei nie bloße Zierde, sondern Ausdruck innerer Konflikte, Spiegel der Charakterentwicklung – und dramaturgisch sauber eingebettet.

Was das Werk zusätzlich aufwertet, ist Šejićs unverwechselbare Bildsprache. Seine Panels glänzen mit präziser Lichtführung, gestochen scharfer Mimik und einem beeindruckenden Gespür für gestische Zwischentöne. Visuell ist FINEPRINT schlicht eine Wucht – elegant, opulent und zugleich überraschend intim.

Auch inhaltlich bleibt FINEPRINT komplex. Lauren ist keine klassische Heldin – sie ist egozentrisch, impulsiv, verletzlich. Eine Figur, die aneckt, aber gerade deshalb interessant bleibt. Die Nebenfiguren stehen ihr in nichts nach: Alle sind ambivalent, voller Widersprüche, und dadurch lebendig. Die Götter fungieren hier nicht als moralische Instanz, sondern als Projektionsfläche menschlicher Schwächen. Ein raffinierter Kniff, der Genreklischees gekonnt unterwandert.

Die Erzählstruktur ist durchdacht: Band 1 war Einführung und Aufbau – ohne überhasteten Plot, aber mit klarer Richtung. Der Fokus lag auf der Welt, den Regeln, den Beziehungen. Der Prolog kündigte bereits größere Konflikte an. Und nun ist es so weit: Band 2 ist erschienen – und der entscheidende Schritt getan.

Band 2 geht den großen Schritt

Lauren unterzeichnet. Endlich. Der Vertrag, der unsterbliche Liebe verspricht, ist besiegelt. Doch wie zu erwarten, hat dieser Deal seinen Preis. Schon auf den ersten Seiten wird klar: Das Spiel beginnt. Die Götter haben ihre eigenen Pläne. Und Lauren wird lernen müssen, dass wahre Veränderung nicht vertraglich garantiert ist.

Damit setzt FINEPRINT Band 2 genau dort an, wo viele andere Werke abblenden würden. Statt Happy End gibt es Verantwortung. Statt Wunschdenken: Konsequenzen. Und trotzdem bleibt der Ton leichtfüßig, ironisch, oft urkomisch – besonders in den dynamischen Dialogen der göttlichen Figuren. Der Humor changiert zwischen scharfem Zynismus und feinsinnigem Meta-Witz. Šejić spielt mit den Tropen des Erotik- und Fantasy-Genres, dekonstruiert sie mit Genuss – und setzt sie neu zusammen. Das Ergebnis ist ein subversives Vergnügen mit Tiefgang.

Fazit:

Wer die „Sonnenstein“-Reihe mochte, wird das neueste Werk von Stjepan Šejić lieben – nicht nur, weil es noch mutiger und fantastischer ist, sondern weil es erzählerisch noch weiter ausschlägt. Wo das eine ein intimes, fast kammerartiges Spiel zwischen wenigen Figuren war, entfaltet sich hier ein vielschichtiges Panorama, das Mythologie, moderne Gesellschaftsbeobachtung und fein dosierten Humor miteinander verwebt. FINEPRINT denkt größer, bunter und kompromissloser. Die Handlung wirkt wie ein Spiegel, der nicht nur die Figuren, sondern auch ihre Welt in all ihren Schattierungen zurückwirft – ein Kaleidoskop aus Sehnsüchten, Schwächen und unausgesprochenen Wahrheiten. Mit dem ersten Band wurde die Bühne bereitet. Mit der Fortsetzung zeigt Šejić einmal mehr sein Können – und nimmt uns mit auf die Reise seiner Hauptfigur Lauren. Das Spiel hat gerade erst begonnen – und es verspricht, größer, riskanter und verführerischer zu werden, als es die ersten Seiten ahnen ließen.

FLORIAN TRITSCH

Titel: FINEPRINT 1
Autor: Stjepan Sejic
Zeichner: Stjepan Sejic 
Verlag: Panini
Seiten: 176
Titel: FINEPRINT 2
Autor: Stjepan Sejic
Zeichner: Stjepan Sejic 
Verlag: Panini
Seiten: 224