Mein Mörder, sein Verbrechen (?) und ich
SCHNEE UND TINTE erscheint erstmals im Dezember 2021 – damals noch als Webcomic auf X (ehemals Twitter) der Mangaka Miyuki Unohana. Später wurde der Manga bei Kodansha veröffentlicht. Die Geschichte um einen Mörder und die Erbin einer reichen Familie ist eine etwas andere Liebesgeschichte, in der nichts ist, wie es scheint. Jetzt kommt die Geschichte erstmals gedruckt auf Deutsch auf den Markt.
Freya ist eine Erbin der reichen und einflussreichen Industriellenfamilie Gibson. Ihre Familie ist das wirtschaftliche Zugpferd ihres Landes – ein Fehler, und Tausende menschlicher Existenzen stehen auf dem Spiel. Freya begeht einen solchen Fehler und ist fortan Zielscheibe zahlreicher Anfeindungen.
In diesen Wirren entscheidet sie sich, ihre Heimat zu verlassen. Doch aus Angst, dass auf ihrem Weg der Hass der Menschen in Gewalt umschlägt, besorgt sie sich einen Bodyguard – und nicht irgendeinen: Sie kauft den Massenmörder Neneo. Er ist zum Tode verurteilt worden; soll er doch in seinem Heimatdorf 50 Menschen getötet haben.
Gebrandmarkt mit Tattoos, die sein Verbrechen für immer auf seinen Körper bannen, nimmt Neneo sein Schicksal an – immerhin hat er nun die Möglichkeit, weiterzuleben. Gemeinsam machen sich beide auf den Weg, ihr Leben neu zu ordnen.
Weit im Norden, wo die Winter hart und die Sommer rau sind, finden Freya und Neneo zueinander. Freya lernt, dass Neneos Verbrechen bei Weitem anders war als das, dessen er angeklagt wurde, und Neneo erkennt, dass Freya trotz ihres Reichtums weltfremd und ängstlich ist – und dass ihr Fehler, der Tausende Jobs kostete, nicht auf bösen Willen zurückzuführen war.
Hilfe bekommen sie für ihr neues Leben ausgerechnet von Freyas (Ex-)Verlobtem und von Menschen, die sie sehen, wie sie sind: liebevoll, hilfsbereit und nicht die Monster, als die die Gesellschaft sie sehen will.
Zärtliche Künstlertiefe
Miyuki Unohana hat einen zarten, entschleunigenden Zeichenstil. Er ist geprägt von Nahaufnahmen und stillen Bildern, die weder überladen noch dramatisch wirken. Hintergründe setzt sie situationsbedingt ein, etwa wenn Freya in der von Neneo und ihr bewohnten Holzhütte kocht. Hier ist die Künstlerin detailverliebt, bestückt die Hütte mit Blumen und kuschelig wirkenden Polstermöbeln.
Beide sind oft mit dem Zug unterwegs, wobei sie die Abteile häufig von Menschen überladen zeichnet, was die gedrückte Stimmung der beiden, die die Öffentlichkeit eher scheuen, unterstreicht. Der Dampfkoloss mitsamt Bahnhof hingegen wirkt, als wäre er einer Enzyklopädie für Fuhrwerke entsprungen – perfekt bis zur letzten Schraube.
Gesellschaftskritik mit Liebe
Sowohl Freya als auch Neneo tragen Narben, deren Schuldige sie nicht sind. Doch die Gesellschaft interessiert sich nicht dafür – Freya wird sogar körperlich angegriffen, sodass Neneo mehr als einmal eingreifen und die zierliche Frau beschützen muss. Hingegen ist Neneo mit Ablehnung und Angst konfrontiert, dabei möchte er gerne arbeiten, um nicht dauerhaft auf das Vermögen von Freyas Familie angewiesen zu sein.
Es ist Freyas Ex-Verlobter Halbert, der ihnen eine Chance gibt. Er sieht es Freya nach, dass sie gegangen ist – sah sie sich selbst doch als unwürdig für ihn – und gibt Neneo sogar Arbeit. Neneo überzeugt ihn durch seine Leidenschaft für Freya und den Willen, sein Leben neu zu gestalten.
Zudem möchte Halbert den Grund hinter den 50 Toten, die (angeblich) durch Neneos Hand gestorben sind, finden. Medizin und Wissenschaft sind seine Leidenschaft, und dafür sieht er über vieles hinweg. Er möchte die Dinge selbst entdecken und steckt damit Freya und Neneo an.
Selbst Halberts Dienerschaft, anfangs nicht angetan vom Willen ihres Herren, erkennt, dass Neneo hart arbeitet und Freya keinesfalls die kühle, dumme Frau ist, für die sie gehalten wird.
Stück für Stück finden sich die Protagonisten neu, lernen, dass die Gesellschaft sie nicht definiert, und dass selbst unter all den welken Menschen jene sind, die ihnen mit Offenheit begegnen.
Fazit
SCHNEE UND TINTE ist eine Geschichte über Liebe, Gesellschaft und Vorurteile – aber auch eine Erzählung über Zusammenhalt und Leidenschaft in all ihren Facetten.
Neneo und Freya finden sich unter widrigen Umständen, beweisen aber, dass Liebe durchaus fähig ist, mehr zu schaffen als Herzschmerz und Kummer – nämlich Aufbruch, Unterstützung und Ruhe im jeweils anderen.
SCHNEE UND TINTE richtet sich an ein erwachsenes Publikum und regt zum Nachdenken über Vorurteile und die eigene Definition des Wortes „Liebe“ an.
LILI SCHMIRGAL
Autor: Miyuki Unohana
Land/Jahr: Japan/2022
Seiten: 176 Seiten
Verlag: Altraverse