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12. September 2026

Von: MARCUS CISLAK

„Ich bin ein alter Sack, der schon seit Kindesbeinen ins Kino verliebt ist“

Wenn die Tage kurz werden und der Halloween-Kürbis leuchtet, wird es Zeit, tief in die cineastische Mottenkiste zu greifen. Denn Tino Schmidt und Marcus Cislak, unterstützt vom FILM e. V. Jena, präsentieren am Donnerstag, 22.10.2026, um 19.30 Uhr im Schillerhof in Jena nicht nur einen – streng geheimen, aber – kreuzfiesen Horrorfilm aus deutschen Landen, sondern begrüßen DEN Filmgelehrten aus Bremen: Christian Keßler!

Der 58-Jährige ist ein deutscher Filmkritiker, -produzent und Autor, bekannt als freischaffender Filmjournalist. Zudem verfasste er mehr als zehn Bücher, u. a. über das Horror-, Erotik- und Thrillerkino. Zum moderierten Filmabend geht es um eine Auseinandersetzung mit Zensurgeschichte und Genrefilm. Der selbsternannte Filmgelehrte vermittelt, wie gesellschaftliche Verhältnisse, Moral und Zensur die Filmproduktion prägten – ein wichtiger Beitrag zur Medienkritik unserer Gegenwart. Filmbilder kritisch kontextualisieren – anstatt sie unreflektiert zu konsumieren.

Gezeigt wird ein 35 mm Film aus dem deutschen Horrorgenre und es findet ein locker-ernstes Filmgespräch mit Christan Keßler davor und danach statt.

Christian, warum lohnt es sich am 22. Oktober, also Donnerstagabend, statt zum Filmstart des neuesten Blockbusters zu einem „uralten“ Film und Deinen Ausführungen zu gehen?

Da bin ich strikt parteiisch, denn ich liebe das alte Kino! Nichts gegen Keanu Reeves, der wild in der Gegend herumwirbelt, aber mir gefällt das gemächliche Tempo, mit dem seine Vorläufer zu Werke gingen. Ich brauche Figuren, mit denen ich mich identifizieren kann, keine CGI-animierten Tausendsassas aus der Retorte. Zudem nervt mich die hohe Schnittfrequenz. Ich brauche Bilder, die zur Kontemplation einladen, und, mal im Ernst: Wer braucht Keanu Reeves, wenn er Herbert F. haben kann?

Für die neugierigen Menschen unter uns, die von Dir vielleicht noch nicht gehört haben: Stelle Dich mal bitte vor.

Ich bin ein alter Sack, der schon seit Kindesbeinen ins Kino verliebt ist und irgendwann anfing, darüber zu schreiben. Zuerst war ich etwa 20 Jahre lang für das Berliner Filmmagazin „Splatting Image“ tätig, und danach waren das hauptsächlich Bücher. Mir ging es darum, meine Gedanken zu ordnen und über das zu berichten, was ich gut, wahr und schön finde, und im Idealfall gebe ich meine Begeisterung weiter an die Leser. Außerdem möchte ich schön, reich und berühmt werden, bislang leider erfolglos.

In seinem neuen Buch DER TOD SPIELT EINEN FLAMENCO befasst sich Christian Keßler mit dem spanischen und dem südamerikanischen Horrorkino.

Was ist Dein filmisches Steckenpferd?

Als Kind durfte ich niemals Gruselfilme sehen. So war es nur natürlich, dass ich später ein großes Interesse an Horrorfilmen verspürte. Gleichzeitig guckte ich aber auch alles andere. Wenn es auf Film war, interessierte es mich. Das reichte von menschenfressenden Riesenkaninchen bis zu Fellini und Fassbinder, und so verhält sich das eigentlich noch immer.

Mit welchem Film oder Erlebnis begann Deine Reise zu den vergessenen Filmen?

Ich hatte meine ersten Alpträume als kleiner Steppke. Es ging da um eine grüngesichtige Hexe, und irgendwie hatte das auch mit einem Mädchen zu tun, das mit Freunden eine gelbe Straße herunter tanzt. Dass es sich hier um den „Zauberer von Oz“ handelte, entdeckte ich erst viel später, aber das Licht musste häufig im Kinderzimmer an bleiben, wenn ich schlafen wollte.

Du warst noch nie in Jena, richtig? Was verbindest Du mit der Stadt?

Mir wurde zugetragen, dass es dort sehr schön sein soll, weshalb ich mich vor der Veranstaltung dort auch noch etwas umsehen werde. Außerdem kenne und schätze ich den Song „Monster aus Jenaer Glas“ von Max Goldt, und von Goldt besungen zu werden, kommt einem Adelsschlag gleich!

Du bist in der ganzen Bundesrepublik mit Lesungen unterwegs. Was macht den Reiz aus, vor Filmbegeisterten zu reden?

Zum einen mag ich es, meine Leser mal persönlich kennenzulernen. Die sind erfreulich unterschiedlichen Zuschnitts. Zum anderen sind meine Lesungen frei nach Schnauze, also eher improvisiert und in Gänsefüßchen. Das ist für mich unterhaltsamer, und hoffentlich auch für mein Publikum. Reine Lesungen finde ich eher nicht so prickelnd.

Du hast Dutzende Veröffentlichungen über Genres und Filme, über die die meisten eher selten reden, zu verantworten, worauf bist Du besonders stolz? Was ist Dir misslungen?

Man verbindet meinen Namen eher mit Genrefilmen, gerne auch exotischen. Meine beiden Kriminalromane – eigentlich eher groteske Parodien à la Schneider oder Droste – sind die einzigen echten Flops, die ich meinem Verleger Martin Schmitz ins Nest gelegt habe. Das war wohl ein Fall von „Schuster, bleib bei Deinen Leisten“, auch wenn ich die Bücher total mag. Ich würde einige Sachen anders machen, aber selbst die Passagen, die ich jetzt als Irrtümer empfinde – etwa den albernen Prolog zum Noir-Buch –, erschienen mir damals als richtig, und ich glaube fest daran, dass alles irgendwie dazu gehört, auch die nicht so tollen Entscheidungen.

Deine beiden Kriminalromane sind aber lesenswert. Für die Fans von Kommissar Ernst kommt da noch was?

Das war als Trilogie angelegt, aber da die beiden Bücher eben schleppend liefen, wollte ich Martin nicht noch einmal damit belasten. Ich rechne ihm bereits hoch an, dass er das zweite herausgebracht hat. Das war tollkühn!

Woran arbeitest Du zurzeit noch?

Mein nächstes Buch wird voraussichtlich vom deutschen Kino handeln. Ursprünglich war angedacht, das Nachkriegskino komplett abzuhandeln und alles aufzuarbeiten, was sich angesammelt hat. Allerdings erschien es mir dann als wenig segenspendend, die Filme von Staudte und Käutner mit Sachen wie „Kasimir der Kuckuckskleber“ und „Wo der Wildbach durch das Höschen rauscht“ zusammenzupacken. Deshalb beschränke ich mich jetzt wohl auf die wilderen Sachen, werde aber Staudte und Käutner nicht unerwähnt lassen. Das Format, das ich wähle, erlaubt viele Bezugnahmen.

Druckfrisch ist Dein neuster Streich DER TOD SPIELT EINEN FLAMENCO erschienen: Was erwartet den geneigten Leser? Und hast Du auch Exemplare mit im Gepäck, wenn Du nach Jena kommst?

 

Den geneigten Leser und die geneigte Leserin erwartet ein literarischer Ritt durch das spanische Horrorkino, in dem die üblichen Verdächtigen wie Paul Naschy oder die reitenden Leichen ebenso berücksichtigt werden wie echte Grenzgänger, die die Genrefilmmotive verwendeten, um sehr persönliche Filme zu machen, etwa solche, die sich gegen die politischen Irrfahrten des Landes wendeten. Da obendrein mexikanische, brasilianische und sonst wie südamerikanische Filme enthalten sind, ist mit einem vermehrten Aufkommen von Ringkämpfern mit lustigen Masken und Totengräbern mit bedenklichem Menschenbild zu rechnen. Und ja, ein paar Bücher nehme ich natürlich mit!

Vielen Dank für das Gespräch.

Mehr Informationen findet Ihr hier.

 

 

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