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Kino und Kultur aus Japan in Frankfurt am Main

Das 24. Nippon Connection Filmfestival steht in den Startlöchern. Im Interview verrät uns Florian Höhr, auf welche Filme wir uns freuen dürfen, welche Aufgaben auf ihn zukommen und was seine persönlichen Highlights sind.

Vom 28. Mai bis 2. Juni 2024 verwandelt sich Frankfurt am Main wieder in den Dreh- und Angelpunkt der japanischen Filmvielfalt. Mit über 100 spannenden Kurz- und Langfilmen an acht verschiedenen Spielorten erwartet Japan-Fans eine Reise durch die unendlichen Facetten der Filmkultur des Landes der aufgehenden Sonne. Wir hatten im Vorfeld die Gelegenheit zu einem Gespräch mit Florian Höhr, dem Leiter des Filmprogramms.

Wie fühlt es sich an, das Nippon Connection Filmfestival zu leiten?
Tatsächlich leite ich nicht das ganze Festival, sondern lediglich das Filmprogramm. Die Leitung des Filmprogramms ist eine spannende Aufgabe, denn sie erlaubt mir einen intensiven und umfassenden Einblick in das aktuelle japanische Filmschaffen – die Auswahl, die wir jedes Jahr auf dem Festival präsentieren, ist nämlich nur ein Bruchteil der vielen Filmproduktionen, die jedes Jahr in Japan entstehen.

Können Sie uns einen Einblick in die Logistik hinter den Kulissen des Festivals geben?
Nippon Connection wird von einem großen Team aus jährlich rund 70 Mitarbeiter*innen organisiert. Viele davon arbeiten ehrenamtlich neben ihrem Studium oder ihrem Berufsalltag an der Organisation des Festivals mit. Das Team ist in viele verschiedene Arbeitsbereiche aufgeteilt – neben der Auswahl der Filme gehören dazu etwa die Gestaltung des Rahmenprogramms, die Pressearbeit oder auch die Koordination der vielen Gäste, die jedes Jahr zum Festival kommen. Das Besondere ist, dass man auch ohne große Erfahrungen in einen Arbeitsbereich einsteigen kann, und dann durch die Arbeit im Team wertvolle Erfahrungen sammelt.

Mittlerweile findet das Festival zum 24. Mal statt. Wie hat es sich im Laufe der Jahre entwickelt?
Ursprünglich war das Festival als einmalige Veranstaltung geplant. Erst durch die schon bei der ersten Ausgabe überwältigende Publikumsresonanz ist dann der Entschluss gefallen, das Festival wieder stattfinden zu lassen. Nachdem das Festival noch bis 2012 auf dem alten Campus der Uni Frankfurt stattfand, hat das Festival sich mit dem Umzug in die heutigen Spielstätten, das Künstler*innenhaus Mousonturm und das Produktionshaus NAXOS noch einmal deutlich vergrößert. Während bei der ersten Festivalausgabe noch 13 Filme zu sehen waren, sind es inzwischen jedes Jahr rund 100. Außerdem ist das Festival inzwischen international und vor allem aber auch in der japanischen Filmszene sehr bekannt.

Die Veranstaltung steht diesmal unter dem Motto „Crossing Borders“. Können Sie uns mehr darüber erzählen?
Seit einigen Jahren hat unser Festival bei jeder Ausgabe einen Themenschwerpunkt. Der diesjährige Schwerpunkt „Crossing Borders“ widmet sich dem Verhältnis des japanischen Kinos zum Ausland: Etwa japanische Produktionen, die im Ausland gedreht wurden, oder Filme, die westliche Filmemacher*innen in Japan gedreht haben. Japan hat nach wie vor den Ruf einer etwas abgeschotteten Inselnation. Der Themenschwerpunkt soll zeigen, dass das japanische Kino heute viel internationaler geworden ist. Neben vielen aktuellen Kurz- und Langfilmen wird der Schwerpunkt auch einige historische Filme beinhalten, wie etwa „Die Tochter des Samurai“, eine frühe deutsch-japanische Koproduktion aus dem Jahr 1937.

Der 1937 veröffentlichte Klassiker „Die Tochter des Samurai“ wird in der Retrospektive zu sehen sein.

Wie wählen Sie die Filme für das Festival aus, insbesondere in Bezug auf ihre Vielfalt an Genres und Themen?
Uns ist es sehr wichtig, das japanische Kino in all seinen Facetten zu präsentieren. Deshalb achten wir darauf, möglichst viele verschiedene Genres und Stile in unser Programm aufzunehmen, um ein möglichst vielseitiges Programm zusammenzustellen. Da wir vor allem auch junge Filmschaffende unterstützen möchten, legen wir auch jedes Jahr großen Wert darauf, viele Werke von Nachwuchsregisseur*innen auszuwählen.

Welche Herausforderungen gab es bei der Zusammenstellung des Filmprogramms für dieses Jahr?
Die größte Herausforderung ist jedes Jahr die gleiche: Die Zahl der zur Auswahl stehenden Filme übersteigt den Platz im Programm bei weitem. Insofern können wir nicht jeden Film berücksichtigen, den wir eigentlich gerne zeigen würden. Vor allem die in der Sektion NIPPON DOCS gezeigten Filme sind nur eine kleine Auswahl der insgesamt sehr starken japanischen Dokumentarfilme, die wir in diesem Jahr gesichtet haben.

Was ist Ihr persönliches Highlight in der diesjährigen Filmauswahl und warum?
Sehr beeindruckt hat mich der Film „(Ab)normal Desire“ von Yoshiyuki Kishi, den ich vergangenes Jahr auf dem Tokyo International Film Festival gesehen habe, und der sehr einfühlsam die Geschichte verschiedener Außenseiter*innen erzählt und dabei gesellschaftliche Tabus hinterfragt. Umso mehr freut es mich, dass der Regisseur auch unser Festival besuchen wird.

Auf welche weiteren Gäste dürfen sich die Besucher*innen freuen?
Insgesamt werden rund 60 Filmschaffende das Festival besuchen. Dazu gehört etwa unser Ehrengast Kotone Furukawa. Die Schauspielerin werden wir dieses Jahr mit unserem Nachwuchspreis, dem Nippon Rising Star Award auszeichnen. Hier in Deutschland kennt man sie etwa durch ihre Rolle in Ryusuke Hamaguchis Film „Das Glücksrad“. Mit gleich zwei Filmen ist der Regisseur Keisuke Yoshida im Programm vertreten, der in seinen nie vorhersehbaren Filmen regelmäßig mit Genrekonventionen bricht. Wir freuen uns auch sehr über den Besuch von Naoko Ogigami. Die renommierte Regisseurin präsentiert nicht nur ihren neuen Film „Ripples“, sondern wird auch Mitglied unserer Wettbewerbsjury sein.

Auch „18×2 Beyond Youthful Days“ wird zu sehen sein. (©2024 „18×2 Beyond Youthful Days“ Film Partners)

Können Sie uns ein wenig über die Zusammenarbeit mit den Filmschaffenden und Künstler*innen aus Japan berichten?
Seit der Gründung im Jahr 2000 hat Nippon Connection ein großes Netzwerk an wichtigen Kontakten aufgebaut. So kooperieren wir regelmäßig mit der Tokyo University Of The Arts, Japans ältester nationaler Kunsthochschule, die auch Film als Studienfach anbietet. Auch verschiedene japanische Filmfestivals sind wichtige Kooperationspartner, wie etwa das PIA Film Festival und das SKIP CITY INTERNATIONAL D-Cinema FESTIVAL. Durch die vielen Kontakte zu japanischen Filmschaffenden erhalten wir oft wertvolle Empfehlungen, auf die wir hier in Deutschland möglicherweise gar nicht aufmerksam geworden wären. So ist es uns möglich, viele Filme in unser Programm aufzunehmen, die ansonsten möglicherweise nie in Europa gezeigt worden wären. 

Auf wen freuen Sie sich in diesem Jahr besonders?
Einer meiner Lieblingsfilme aus den vergangenen Jahren ist „Backlight“, das Regiedebüt des Schauspielers Ren Sudo. Als wir den Film 2022 gezeigt haben, hatten wir aufgrund der Pandemie nur sehr wenige Gäste aus Japan auf dem Festival. Umso mehr freut es mich, dass Ren Sudo nun dieses Jahr erstmals Nippon Connection besuchen wird, um seine neue Regiearbeit „Abyss“ zu präsentieren. Er gehört für mich zu den vielversprechendsten Independent-Regisseur*innen aus Japan, weshalb ich mich sehr darauf freue, ihn kennenlernen zu können.

Zusätzlich gibt es diesmal auch eine Retrospektive zum japanischen Film Noir. Warum haben Sie sich für dieses Genre entschieden?
Für unsere Retrospektive haben wir uns an dem diesjährigen Themenschwerpunkt „Crossing Borders“ orientiert: Den Film Noir verbindet man eigentlich mit amerikanischen Filmen. Der amerikanische Film Noir hingegen wurde vom deutschen Expressionismus der 1920er Jahre beeinflusst. So sind im Rahmen der Retrospektive japanische Filme zu sehen, die Einflüsse sowohl aus dem amerikanischen, als auch aus dem deutschen Kino zeigen – und somit hervorragend in den Themenschwerpunkt passen.

Können Sie uns etwas über die Auswahl der Filme für die Retrospektive erzählen?
Insgesamt sind sieben Filme von sechs verschiedenen Regisseur*innen zu sehen. Da diese in ihren Herangehensweisen an das Genre zum Teil sehr unterschiedlich sind, ermöglichen wir somit einen abwechslungsreichen Einblick in das Genre. Mit Akira Kurosawa und Yasujiro Ozu sind auch zwei der wohl bekanntesten japanischen Regisseure zu sehen. Ozus Frühwerk „Dragnet Girl“ (1933) – ein Stummfilm, den wir mit Live-Klavierbegleitung zeigen werden, nimmt viele Elemente des Film Noir bereits vorweg – eigentlich entwickelte das Genre sich in den USA erst in den 1940er Jahren. Akira Kurosawa ist hierzulande vor allem für seine Samurai-Filme bekannt, doch „The Bad Sleep Well“ (1960) zeigt, dass Kurosawas ein ebenso gutes Gespür für den Film Noir hatte.

Vielen Dank für das Gespräch.

Das komplette Programm und Tickets sind auf der Festivalwebsite NipponConnection.com verfügbar.

Titelbild: © 2023『ABYSS アビス』Production Commitee