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Cineastische Sternstunden (fast nur) aus dem Archiv

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Zehn Filme und ein Ausflug zur Filmindustrie an vier Tagen (13.-16. Februar) auf der Berlinale 2026: Mein Festivalbericht.

Sundance-Hits und cineastische Sternstunden sind auf dem schwachen Berlinale-Jahrgang 2026 (bislang) Mangelware. Das offenbart sich schon beim Blick in den Wettbewerb mit den Filmen, die um den Goldenen Bären konkurrieren. Hier wurde neben etwas Independent-Kino mit entfernt bekannten Namen wieder einmal auf Familienprobleme oder politische Unterdrückung in einem beliebigen autoritär regierten oder wirtschaftlich desolatem Land gesetzt.

GELBE BRIEFE 
Weil Theatermacher und Hochschullehrer Aziz und seine Schauspieler-Frau Derya zur Teilnahme an Friedensdemos aufrufen und die Regierung kritisieren, verlieren sie über Nacht ihre Jobs. Während sich Aziz vorübergehend als Taxifahrer durchschlägt und wütend ein neues Theaterstück um Willkür schreibt, wittert Derya ihre Chance als Hauptdarstellerin einer TV-Serie – für die sie jedoch ihre Ideale opfern und Social Media-Beiträge löschen muss. Komplett in Deutschland gedreht, doubelt Berlin Ankara und Hamburg Istanbul – was bei durchgehend türkischem Dialog nicht nur befremdlich wirkt, sondern auch die Repression kaum greifbar macht. Regisseur und Drehbuchautor İlker Çatak spielt leider in seinem zähen und mit knapp zwei Stunden zu lang geratenem Familiendrama zu selten ironisch damit: Früher habe man Taxi doch noch mit k und s geschrieben, lässt er Aziz einmal eher unfreiwillig witzeln.

NINA ROZA
Der Bulgare Mikhail wandert nach einer tödlichen Erkrankung seiner Frau zusammen mit seiner Tochter Roza ins kanadische Montreal aus. Hier wird der Kunsthändler auf ein vermeintliches Wunderkind in Bulgarien aufmerksam: Die farbenfrohen Bilder der 8-jährigen Nina gehen viral – und er will herausfinden, ob nicht sehr kreative Freunde oder Verwandte hinter ihren Malereien stecken. Nach 28 Jahren in Kanada denke Mihail schon auf Französisch, heißt es einmal. Aber es ist auch durch die in sich gekehrte Figur schwer, ihre Motivation gänzlich nachzuvollziehen. Perspektivlos ist die Lage in Bulgarien, ja – aber dafür sind die weiten Felder in dem strukturschwachen Staat Heimat, wie Kameramann Alexandre Nour Desjardins immer wieder in poetischen Bildern ausstellt. Erinnerungen ragen durch Montagen ins Heute, nur bleibt auch der Konflikt von Mihail mit seiner Schwester nur angedeutet. Worum sie sich vor Ort „gekümmert“ hat? Bleibt offen, Hauptsache ein Konflikt ist da.
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YÖN LAPSI (NIGHTBORN)
In den „Harry Potter“-Filmen verkörperte Rupert Grint den loyalen Kumpel der Titelfigur – und hat, zumindest hier, den einstigen Kindskopf nicht abgelegt. Als mit verschmähtem Babybrei besudelter Vater ist er eine Witzfigur, die immer noch verbissen an seinem kitschigen Heile-Familie-Traum festhält, als er schon längst nicht mehr zu seinem bestialischen, nach Blut gierenden Kind und der mit ihrer Mutterrolle hadernden Saga (großartig: Seidi Haarla) durchdringt. Mit exzellentem Sound-Editing, einigen zünftigen Gore-Einlagen mit eher mäßig getrickster animatronischer Baby-Puppe und rätselhaft bleibenden folkloristischen Elementen (mythischer Wald und Trolle) versucht sich Hanna Bergholm („Hatching“) an einer Mutterschafts- und Feminismussatire mit überschäumenden schwarzem Humor. Atmosphärisch dicht, aber auch reichlich trashig und mit wortwörtlich hölzernem Finale wirkt der Genrezwitter merkwürdig unausgegoren.

EVERYBODY DIGS BILL EVANS
Der plötzliche Autounfall seines Bandmitglieds Scott LaFaro hat den berühmten Jazz-Pianisten Bill Evans spürbar aus der Bahn geworfen. Aber was hat er 1961 so getrieben, als er über Monate abgetaucht ist? Das weitgehend einfühlsame Psychodrama vom früheren Musikvideo-Regisseur Grant Gee gibt darauf die Antwort: Entweder betäubt der Musiker (introvertiert und mit heiserer Stimme: Anders Danielsen Lie) seinen Schmerz mit Freundin Ellaine (Valene Kane) und Heroin oder versucht bei seinen Eltern (unter anderem Bill Pullman in einer unangemessen albernen Over-the-top-Performance) runterzukommen. Einige Zeitsprünge zum Ableben der Beteiligten sind unnötig und wirken wie Fremdkörper, aber man fühlt im tristen Schwarz-Weiß-Szenario den Jazz. Mehr dazu von mir hier

Vom Wettbewerb zu Berlinale Special
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