Radu´s Gaming Corner: Abenteuer Spielbücher
Was wäre, wenn man den Verlauf eines Buches ändern und das Schicksal des Helden beeinflussen könnte? Genau das ist mir vor langer Zeit passiert und neben dem Verlauf eines Buches hat es gleichzeitig mein Leben gravierend verändert.
„Du winkst der Menge zu und atmest ein letztes Mal die kühle, frische Luft ein, bevor du dich umwendest und durch das Säulentor hindurch Sukumvits heimtückische, unterirdische Gänge betrittst, um den unbekannten Gefahren auf „Dem Gang“ durch das Todeslabyrinth des mächtigen Barons entgegenzutreten.“ (Ian Livingstone: Labyrinth des Todes“)
In einem kleinen Buchladen neben meinem Zahnarzt „nur mal kurz“ stöbern, bevor es zu einem Termin geht. Mein 15jähriges Ich bestaunt kleine Taschenbücher vom Goldmann Verlag, die auf der Buchrückseite stimmige Titel tragen wie „Die Zitadelle des Zauberers“, „Das Höllenhaus“ oder „Die Stadt der Diebe“. Am Ende der Buchreihe kann ich das Buchcover sehen: ein Zauberer in roter Robe und weißem Bart. Der Titel: „Der Hexenmeister vom flammenden Berg“ zieht mich direkt in den Bann. Ich nehme es aus dem Regal und blättere es durch. Seltsame, kurze Kapitel und atmosphärische schwarzweiß Zeichnungen, die den Fantasy-Nerd in mir sofort schockverliebt erschaudern lässt. Doch halt, die Kapitel ergeben ja gar keinen Sinn! Einmal kurz das Vorwort überflogen, bevor ich verstehe, dass ich ein Abenteuer Spielbuch in den Händen halte. Ich schlüpfe in die Rolle des Helden, der den Hexenmeister bezwingen möchte und sich dabei tödlichen Fallen, kniffligen Rätsel und spannenden Kämpfen stellen wird. Der Clou: ich beeinflusse mit meinen Entscheidungen direkt die Handlung und entscheide, wie die Geschichte weitergeht. Dabei kann sowohl Pech bei Würfelproben, als auch eine falsche Entscheidung den Tod für meinen Helden bedeuten. An jenem Tag habe ich meinen Zahnarzttermin verpasst, bin aber mit einem Buch nach Hause gekommen, das mein Leben verändern sollte. Während andere draußen Fußball spielten, brütete ich im Garten über das Buch, zeichnete Karten durch das Labyrinth und legte Würfelproben ab, während ich auf meinem Charakterbogen kontinuierlich herumkritzelte. Nachdem ich den Hexenmeister bezwungen hatte (was sehr lange gedauert hat) war ich süchtig und im Laufe der Jahre las und spielte ich jedes Buch durch. Die Autoren der Spielbücher: Steve Jackson und Ian Livingstone.

Obwohl die Spielbücher für sich alleine standen, so spielten sie teilweise in derselben Welt. Wer beispielsweise das „Labyrinth des Todes“ überlebt hatte, bekam einen kleinen Hinweis darauf im Intro von „Die Stadt der Diebe“. Auch „Der Forst der Finsternis“ atmete mit jeder Pore den Spirit der vorangegangenen Bücher, während anderen Bücher („Das Schwert des Samurai“, „Das Universum der Unendlichkeit“) in ihrem eigenen Kosmos Geschichten erzählten. „Das Höllenhaus hatte mich am längsten gequält, weil es schlichtweg lange gedauert hat, bis ich den entscheidenden Hinweis an der richtigen Stelle eingesetzt hatte. Es war ein wenig, wie mein erster Dark Souls Durchgang; bockschwer, teilweise frustrierend, aber atmosphärisch derart gut, dass ich es unbedingt durchspielen (und lesen) wollte. Nach meinem Empfinden war Steve Jackson immer ein wenig erbarmungsloser als Ian Livingstone. Konnte man bei Livingstone nach einem Misserfolg eine Würfelprobe auf Glück machen oder sich vielleicht nochmal umentscheiden, wurde ich an vielen Stellen gnadenlos von Jackson gekillt. Beide Autoren gehören für mich an die Speerspitze und Wegbereiter dieses Genres.

Die erste Spielbuchsaga kam mir mit Steve Jacksons „Sorcery!“ Reihe auf den Tisch. Auf 4 Spielbüchern verteilt werden hier Soloabenteuer kredenzt, die eine große Geschichte abbilden. Neben dem bereits bekannten Rollenspielsystem darf man bereits erworbene Gegenstände/Schätze aus den vorangegangenen Abenteuern übertragen und entsprechend einsetzen. Etwas, das die Langlebigkeit der vorangegangenen Spielbücher nochmal erweitert.
Gleiches Konzept, aber von Beginn an auf eine größere Geschichte ausgelegt, sind die Spielbücher „Einsamer Wolf“ von Joe Dever. Hier schlüpft man in die Rolle eines jungen Adepten der Kai Mönche, die sowohl im Kampf, als auch in Magie die Speerspitzer und Verteidiger Magmamunds sind. Als einziger Überlebender eines Massakers schwört man zunächst Rache, wird dann aber immer tiefer in die politischen Intrigen und Entscheidungen verstrickt, die das Schicksal der gesamten (Spiel-) Welt beeinflussen. Das Kampfsystem ist etwas anders, aber schnell erlernbar und auch die Talente/Zauber sind umfangreicher. Was bei Steve Jacksons „Die Zitadelle des Zauberers“ bereits angedeutet wurde, hat Joe Dever geschickt erweitert und perfektioniert.

Ian Livingstone, Steve Jackson und Joe Dever sind Wegbereiter dieses Genres. Aber wie sieht es denn mit der heutigen Zeit aus? Lange waren die Abenteuerspielbücher vom Goldmann Verlag vergriffen oder online zu unverschämten Preisen zu erwerben. Die erste Anlaufstelle für die Spielbücher ist definitiv der MANTIKORE Verlag. Hier wurden sowohl alle alten „Einsamer Wolf“ Spielbücher mit viel Herzblut neu aufgelegt (inklusive Bonusabenteuer) und um neue Ausgaben erweitert. Zusätzlich gibt es auch das Open World Abenteuer „Destiny Quest“ (2 Bücher) , bei dem man die Regeln während des Spiels lernt. Wer auf ein ganz besonderes Schätzchen aus ist, das sowohl inhaltlich, als auch optisch was hermacht (die Special Edition beinhaltet einen Schuber, Lesezeichen, Postkarten, Making-of-Booklet und eine Soundtrack CD mit zusätzlichen Inhalten), der sollte sich dringend „Reiter der schwarzen Sonne“ von Swen Harder gönnen. Old School trifft hier definitiv auf das Erbe der bereits genannten Autoren. Neben dem Fantasy Setting, gibt es aber auch andere Genres, die mittlerweile sehr gut bedient werden. In Sachen Horror ist M.H. Steinmetz absolute Pflicht, der mit seiner Trilogie „Totes Land“ den Grundstein gelegt hat, den er mit seinem Spielbuch „Death Asylum“ brutal fesselnd zelebriert. Walking Dead als interaktives Buch, was will das (untote) Zombieherz noch mehr?
Fazit: Es gibt bestimmt noch sehr viele andre Spielbuchreihen, die ich nicht erwähnt habe und vom klassischen Fantasy- Setting führen mittlerweile viele Wege zum Herzen der Spieler. Aktuell läuft auch eine Kickstarter Kampagne für die alten Fighting Fantasy Bücher von Steve Jackson und Ian Livingstone (Englisch), mit der ich meine Sammlung erweitere. Wer hätte gedacht, dass ein kleines Buch mein Leben derart verändern kann und mir später den Weg zu Rollenspielen wie „Das Schwarze Auge“ und „Dungeons and Dragons“ überhaupt erst ermöglichen würde?
Seit 40 Jahren gibt es die Fighting Fantasy Spielbücher und ich hoffe, dass es noch viele weitere Rollenspieler geben wird, die diese Reihe in ihr Herz schließen werden. Ich zocke zwar in erster Linie auf dem PC Rollenspiele und habe schon einiges erlebt, Aber keine Grafikkarte kann es mit der eigenen Fantasie aufnehmen, wenn man durch das Labyrinth des Todes schleicht und in seinen Gedanken sich eine Geschichte formt, die noch viele Jahre nachhallt. In diesem Sinne viel Spaß beim Lesen, entscheiden und kämpfen.
May your Stamina never fail!
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