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Alt und doch unvergessen

Allein schon das Cover mit seinen einladenden, sonnigen Farben sticht im Bücherregal sofort hervor – ILUSTRA – MIKA UND DER SONNENFRESSER fällt einem allein schon deswegen in die Hand, verweilt aber in ihr, da die Ideen hinter dem Werk alles andere als langweilig sind. Schöpfer Tori Tadiar verbindet moderne Fantasy mit philippinischer Mythologie und bastelt dadurch eine Geschichte, die sich vom sonstigen Mainstream der Fantasy stark abhebt und jedes gelesene Wort wert ist.

Im Mittelpunkt steht Mika, die die Legenden ihrer verstorbenen Großmutter nie vergessen hat. Während ihre Mitschüler die alten Geschichten eher belächeln, glaubt Mika weiterhin an die überlieferten Mythen – denn Geschichte ist vor allem um eines – lebendig, solange sie erzählt wird. Eines Tages hört sie plötzlich eine Motte mit der Stimme ihrer Großmutter zu ihr sprechen.

Das verwirrende Chaos ist perfekt, als ein misslungener Zauber, der zum Wunder selbst der Ungläubigsten funktioniert, eine uralte Gottheit erweckt. Es beginnt für Mika und ihre beiden Klassenkameraden ein Abenteuer, das sie tief in eine Welt voller Magie und Legenden führt. Und selbst Mika, die fest an Magie und Mythen glaubt, erkennt, dass nicht alles, was im Sagenreich ist, unbedingt einen Platz in der physischen Welt haben sollte.

Nicht nur Drachen, Samurai und Co.

Wer des Fantasy-Genres mächtig ist, der weiß, dass viele Geschichten auf nordischer Mythologie basieren – oder im Falle der Japan-Süchtigen auf Yōkai und anderen fernöstlichen Wesen. Tadiar nutzt statt der altbekannten Formeln etwas frischen Wind und setzt auf philippinische Sagen und Volksmärchen, um sein Werk ILUSTRA – MIKA UND DER SONNENFRESSER unter die Interessierten zu bringen. Sie bilden die Grundlage der Geschichte. Die magische Reise führt durch Wesen, Gottheiten und übernatürliche Kräfte, die auf traditionellen Erzählungen der Philippinen basieren. Auch die Bezeichnung „Lola“ für die Großmutter stammt direkt aus dem philippinischen Sprachgebrauch und unterstreicht den kulturellen Hintergrund der Protagonistin.

Und – wer es vielleicht schon ahnt – das im Titel befindliche Wort „Sonnenfresser“ spielt auf die philippinische Legende des Drachen- oder Schlangenwesens Bakunawa an. In den Legenden heißt es, er könne Sonne oder Mond verschlingen und dadurch Dunkelheit bringen, die alles verschlingt.

Die Geschichte greift also nicht nur den Sprachgebrauch der Philippinen auf, sondern auch verschiedene Vorstellungen aus dem philippinischen Volksglauben, darunter mächtige Gottheiten, magische Wesen und spirituelle Verbindungen zwischen Menschen und der Geisterwelt. Dadurch wirkt die Welt zwar exotisch, aber gleichzeitig auch sehr authentisch. Das Herzblut merkt man in jedem Bild und jeder Silbe.

Anspruchsvoll schön

Zeichnerisch präsentiert sich ILUSTRA ebenfalls auf einem hohen Niveau. Der Stil erinnert an moderne Graphic Novels, die sich aber sehr sanft – und doch recht – von Mangas beeinflussen lassen. Die Figuren wirken fast, als wären sie aus der Feder eines alten Disney-Zeichners gesprungen, der einen Kurzaufenthalt in Japan hinter sich hat. Deutlich wird das in der Mimik, die zwar ausdrucksstark ist, aber stets glaubwürdig jegliche Regungen an die Leser weiterträgt.

Gelungen ist zudem die Farbgebung. Auf allzu starke Farben wird, anders als bei der Cover-Gestaltung, die ja das Auge locken soll, verzichtet. Stattdessen begnügt sich Tadiar mit einer übersichtlichen Farbpalette aus sanften Pastelltönen, die einzig für magische oder übernatürliche Effekte ein wenig mehr Pigmente geschenkt bekommen. Für die Übersichtlichkeit der Panels und den Geschichtsverlauf ist das nur zuträglich – der Schöpfer schafft es, nicht nur mit Worten zu fesseln, sondern auch mit Bildern.

Fazit

Mika ist eine sympathische Hauptfigur, deren Begeisterung für die Geschichten ihrer Großmutter schnell ansteckend wirkt – und das selbst bei Lesern, die dem Fantasy-Genre vielleicht nichts abgewinnen können. Durch die Rückführung zu ihrer Großmutter entsteht eine persönliche Note, die sich auf den Konsumenten niederschlägt – denn wer das Glück hatte, vermisst nicht manchmal die Abende in Omas Küche mit Kakao und Keksen?

Unterm Strich ist ILUSTRA – MIKA UND DER SONNENFRESSER ein gelungener Auftakt für alle Leser, die Lust auf unverbrauchte Fantasy und einen Blick in die faszinierende Mythologie der Philippinen haben. Der erste Band überzeugt mit sympathischen Figuren, einer kreativen Prämisse und einem wunderschönen Zeichenstil. Wer offen für neue kulturelle Einflüsse ist, sollte diesen Titel definitiv auf dem Schirm haben.

LILI SCHMIRGAL

Titel: ILUSTRA – MIKA UND DER SONNENFRESSER (Band 1)
Autor: Tori Tadiar  
Zeichnungen: Tori Tadiar 
Verlag: altraverse 
Seitenzahl : 256 Seiten

 

 

ILUSTRA – MIKA UND DER SONNENFRESSER