Nicht alles Elite
Wer hätte gedacht, dass ein paar Beinhaare für so viel Chaos sorgen können? I DON'T HAIR – UM EIN HAAR PERFEKT nimmt genau diese scheinbar banale Ausgangssituation und macht daraus eine ebenso witzige wie überraschend nachdenkliche Geschichte – ein europäischer Blick auf den ganz normalen Alltag einer vermeintlich normalen Schülerin.
Im Mittelpunkt steht Aya, die stolz darauf ist, Teil der angesehenen Eliteklasse 1-A zu sein. Dort gelten strenge Schönheitsideale als selbstverständlich – denn immerhin kann nur reich und erfolgreich werden, wer intelligent, arbeitswütig und schön ist. Das Konzept der Klasse wird durcheinandergewirbelt, als eine neue Mitschülerin auftaucht und es wagt, sich nicht die Beine zu rasieren. Was für den Leser nach einer Kleinigkeit klingt, denn der Körper gehört einem selbst, entwickelt sich schnell zum handfesten Klassenkonflikt.
Besonders unterhaltsam ist dabei Ayas Schwarm Rin, die das vermeintliche Problem mit einer Reihe immer absurderer Ideen lösen möchte. Während die Fronten zwischen „Team Freiwuchs“ und der „Stoppelstopp-Front“ verhärtet werden, beginnt Aya jedoch, die festgefahrenen Regeln ihrer Umgebung zu hinterfragen – und ob Schönheit wahrhaft notwendig ist, um als das angesehen zu werden, was man ist: ein Mensch, der, selbst mit Beinhaaren, intelligent und liebevoll ist.
Edel verpackte Gesellschaftskritik
Hinter dem Humor steckt damit eine sympathische Botschaft über Schönheitsnormen, Gruppenzwang und Selbstbestimmung. Drehen sich japanische Pendants des Slice of Life vorrangig um die erste Liebe oder das Ausscheiden aus der Schule, widmet sich Autorin Janine Schwarz bewusst dem Thema trügerischer – ja falscher – Ideale, die Kindern über verschiedene Kanäle ins Gehirn gewaschen werden.
Stilistisch sieht Schwarz von übertriebenen Herzchen und Blumenkaleidoskopen ab. Stattdessen gibt es einen modernen, ausdrucksstarken Stil auf die Augen, der zeigt, dass auch Europäer Manga können. Ihren Figuren verleiht sie Leben, indem sie ihnen selbst in den witzigsten Momenten kleine, persönliche Gesten schenkt. Dabei lässt sie die Ernsthaftigkeit hinter der Thematik rundum falscher Schönheitsideale und Normen niemals in die Lächerlichkeit driften. Stattdessen schafft sie einen Spagat zwischen Humor und Nachdenklichkeit, der sich wie selbstverständlich auf ihre Figuren erstreckt.
I DON'T HAIR – UM EIN HAAR PERFEKT ist damit **eine** charmante Mischung aus Schulkomödie und Gesellschaftssatire, die es Lesern leicht macht, ihr zu folgen. Schwarz verzichtet auf unnötige Panels **und** übertriebene Licht- und Hintergrundeffekte. Stattdessen liest – oder sieht – sich der Manga fast wie ein gut orchestrierter Film, der weder Langeweile noch Fragen aufkommen lässt. Wenn alles in Deutschland so gut strukturiert wäre wie der Manga von Janine Schwarz, wäre Deutschland gewiss weniger stoppelig an anderen Orten.
Fazit:
Der europäische – hier deutsche – Blickwinkel auf das Erwachsenwerden der heutigen Teenager ist wahrlich anders, als er noch vor 20 Jahren war. Der Druck, der auf Jugendlichen lastet, stammt nicht zuletzt aus falschen Quellen, deren einziges Ziel es ist, Produkte oder eigene Ideale zu verkaufen, ohne Rücksicht darauf, was es bei den Konsumenten anrichten kann.
I DON'T HAIR – UM EIN HAAR PERFEKT orientiert sich zwar klar an beliebten japanischen Slice-of-Life- und Schulmanga, die gesellschaftliche Themen mit Humor verbinden, aber durch ihren Blick aus einem anderen Kulturkreis wirkt die Geschichte anders – nahbarer für das europäische Publikum. Für alle, die einmal etwas anderes wollen als das nächste Liebesdrama, sondern eher etwas Tiefes mit einem Schuss Humor suchen, **ist der Manga** genau das Richtige.
LILI SCHMIRGAL
Autor (Story): Janinja (Janine Schwarz)
Zeichnungen: Janinja (Janine Schwarz)
Verlag: altraverse
Seitenzahl : 200 Seiten