Anders biestig
Die „Disney“-Villains-Reihe zeigte eine andere, menschlichere Perspektive auf die Bösewichte der Disney-Sagas. Mit der „Twisted Tale“-Reihe werden die beliebten Geschichten erneut anders erzählt. Liebe und Hoffnung stehen hier nicht im Vordergrund, stattdessen reichen die Geschichten tiefer in die dunklen Seiten der Psyche. In Manga-Form adaptiert, kommt die „Twisted Tale“-Reihe durch den Carlsen Verlag nun nach Deutschland – der erste Ableger befasst sich mit „Die Schöne und das Biest“.
AS OLD AS TIME ist eine neu interpretierte Nacherzählung des Disney-Klassikers „Die Schöne und das Biest“. Als erster Ableger der als Manga adaptierten „Twisted Tale“-Reihe stellt AS OLD AS TIME die Liebesgeschichte rund um Belle und das Biest ordentlich auf den Kopf. Die Prämisse, die sich das Autorenteam Bassoli und Siviero erdacht hat, könnte verdrehter kaum sein: Was wäre, wenn Belles eigene Mutter diejenige gewesen wäre, die das Biest verfluchte?
Die klassische Liebesgeschichte, für die die Erzählung von Disney bekannt und beliebt ist, findet sich in AS OLD AS TIME nicht. Belle bleibt sich zwar treu – als neugierige, abenteuerlustige Heldin, der die gesellschaftlichen Konventionen egal sind –, doch ist sie in dieser Erzählung eine Suchende, die mehr über ihre Herkunft und vor allem über ihre Mutter erfahren will. Etwas, das ihr Vater ihr am liebsten verwehren würde.
Treu bleibt die Geschichte dem Umstand, dass Belle sich dem Biest als Tausch für ihren Vater anbietet, allerdings unter weniger romantischen Umständen. Für Belle ist das eher eine Frage ihres Erbes, erfährt sie doch recht schnell, dass es wohl ihre Mutter war, die das Biest und die Bewohner des Schlosses verflucht hat. Warum, das gilt es herauszufinden.
Dem Biest selbst wird weniger die Figur einer verfluchten Märchengestalt auf den Leib geschrieben als vielmehr die Geschichte eines fast tragischen Charakters, der direkt einem Shakespeare-Drama entsprungen sein könnte. Ihn plagt ein komplexes Geflecht aus Schuld, das mit einem leichten Sinn für Vergeltung gespickt ist und mit Belle zum Greifen nahe scheint.
Alles Neue macht die Moderne
Der große Unterschied wird schnell offensichtlich. Liegt im Disney-Klassiker die Bindung des Biests zu Belle dem Grundstein für die Aufhebung des Fluchs zugrunde, rücken in AS OLD AS TIME Geheimnisse und Rätsel aus der Vergangenheit beider Protagonisten in den Vordergrund. Die Frage nach Schuld, Verantwortung und natürlich den Konsequenzen begangener Taten ist allgegenwärtig – nicht nur für das Biest, sondern auch für Belles Vater und das, was die Vergangenheit seiner Frau für Tochter Belle bedeutet.
Magie, eigentlich wunderschön und verträumt auf der Leinwand präsentiert, mit all ihren wundersamen Farben und Tönen, erhält in AS OLD AS TIME einen finsteren Anstrich.
Sie wirkt bedrohlich und an manchen Stellen erdrückend, fast tödlich. Sollte sie in „Die Schöne und das Biest“ eher eine belehrende Wirkung auf das Biest haben, stellt sie sich im Manga als etwas fast Böses dar, das das Biest für seine Untaten leiden und nicht lernen lassen will. Magie ist weder gut noch böse. Die bewusste Darstellung von etwas, das zwischen den Grenzen schwebt, macht den Manga selbst für Magiemuffel spannend. Gerade weil sie in Disney-Manier sonst eher als etwas Lehrendes, gar Heilendes dargestellt wird, ist der Ansatz eines von Hass beziehungsweise Rache erfüllten Zaubers erfrischend.
Zeichenstil mit Eleganz
Die alten Disney-Filme sind ein Laufsteg handgezeichneter Eleganz. Feine Striche, dezente und doch starke Farben prägen „Die Schöne und das Biest“ ebenso wie den Publikumsliebling „Schneewittchen“. Für den Manga rund um Belle und das Biest kehren die Macher unter Disneys Aufsicht zu alten Wurzeln zurück – computerkolorierte oder animierte Szenen: Fehlanzeige. Dafür gibt es handgezeichnete Schönheit auf 416 Seiten.
Statt im klassischen Disney-Flair gibt es moderne Shōjo-Ästhetik für die Leser: Große, ausdrucksstarke Augen, elegante Figuren und ein Fokus auf verschiedene Mimiken prägen die Seiten. Gleichzeitig gelingt es den Illustratorinnen Chiara Bracale und Rossella Gentile, die märchenhafte Atmosphäre detailreich einzufangen. Opulente Kleidungsdesigns, wie man sie von Disney kennt, das geheimnisvolle Schloss mit vielen kleinen Besonderheiten und liebevoll gestaltete Hintergründe laden zum Stöbern ein.
Die Panelstruktur ist lebendig, wirkt aber trotz all ihrer verspielten Details nie überladen, sodass sich die Geschichte angenehm flüssig lesen lässt. Es empfiehlt sich dennoch, auf der einen oder anderen Seite hängen zu bleiben, denn so manches Easter Egg aus dem Originalklassiker versteckt sich dort. Szenen mit magischen Visionen oder Erinnerungen leben von diesem lebendigen, liebevollen Zeichenstil – Realität und Magie verschmelzen zu eindrucksvollen Bildern, die ebenso viel erzählen wie die Buchstaben.
Fazit
Innerhalb des Disney-Kosmos lässt sich der Manga klar in die Reihe der Twisted Tales einordnen, die bekannte Geschichten bewusst neu interpretiert und alternative „Was wäre, wenn?“-Szenarien durchspielt. Anders als klassische Disney-Adaptionen richtet sich der Titel dabei eher an ein etwas älteres Publikum. Die Manga-Form verstärkt diesen Ansatz noch einmal, da sie intensivere Darstellungen aller Art erlaubt und gleichzeitig visuell näher an heutige Lesegewohnheiten vieler Fans heranrückt – Mangas sind eben gekommen, um zu bleiben.
Insgesamt ist As Old as Time eine gelungene Mischung aus vertrauter Märchenbasis und mutiger Neuinterpretation. Der Manga bietet genug Wiedererkennungswert für Disney-Fans, überrascht aber zugleich mit neuen erzählerischen Ansätzen und einer spürbar ernsteren Tonlage. Wer Lust hat, das bekannte Märchen in einem anderen Licht zu sehen, findet hier eine Form von „Disney“, die nach den vielen filmischen Fehltritten der letzten Jahre absolut heilsam ist.
LILI SCHMIRGAL
Autor*innen: Beatrice Bassoli, Francesca Siviero
Zeichner*innen: Chiara Bracale und Rossella Gentile
Verlag: Carlsen
Seiten: 416