Alles außer gewöhnlich – mit einem Schuss Blut
Der normale Mensch würde wohl nicht in ein Hotel einchecken, das den Namen HOTEL INHUMANS trägt. Das Geschwisterduo Sara und Ikuro Haizaki aber verdient seinen Lebensunterhalt hier als Concierge, und der Job ist alles andere als ungefährlich – denn das Hotel bedient ausschließlich Auftragskiller.
Für Sara ist das ein normaler Job – auch wenn manch ein Kunde sie schon zu einer formvollendeten Leiche machen wollte. Ihr Bruder Ikuro hingegen hadert mit Gewissensbissen, sobald ihm jemand seine blutige Kleidung zur Reinigung in die Arme drückt. Leider kennen beide ein Wort nicht – und das heißt „Nein“. Damit kommen verschiedene Aufträge zu ihnen – denn sie sind weit mehr als nur Hotelangestellte. Einer ihrer Aufträge startet gleich zu Beginn der Geschichte.
Vor 20 Jahren hat Herr Okajima, das Oberhaupt der Okajima Group, Siao Lee und seine Schwester aus dem kleinen Dorf geholt, in dem sie geboren wurden. Eigentlich wollte er nur einen von ihnen, aber Siao war so standhaft, dass Okajima beide Kinder mitnahm. Siaos Schwester Mao aber wurde zu Okajimas Geisel. Siao sollte sie erst wiedersehen, wenn er 20 Jahre für ihn als Auftragskiller gearbeitet hätte. Doch als die 20 Jahre um waren, lauerte ihm nur ein Killer auf, den der neue, junge Boss geschickt hatte.
Da der alte Okajima von dem HOTEL INHUMANS geschwärmt hatte und meinte, dass es ein sicherer Hafen sei, ist Siao nun hierhergekommen und bittet darum, Mao zu finden. Und Ikuro nimmt die Aufgabe an … gut dabei, dass seine Schwester alles außer gewöhnlich ist.
Ein Manga auf Gratwanderung
Trotz aller Tragik führt der erste Band des Mangas die Leser sehr gut in die Welt des Hotels ein. Es werden verschiedene Gäste vorgestellt, die mit eigener Geschichte und entsprechender Motivation aufwarten. Nicht jeder Killer verrichtet, wie Siao Lee, seinen Dienst freiwillig. Andere verspüren eine wahre Mordlust und scheuen auch nicht davor zurück, einander im Hotel umzubringen – was das Hotel dazu bewegte, einen eigenen Entsorgungsservice anzubieten, der natürlich entsprechend teuer ist.
HOTEL INHUMANS scheut keine menschlichen Abgründe oder Zweifel. Nicht jeder Killer des Hotels ist eine starke, unerschütterliche Persönlichkeit, wie es der Berufsstand vielleicht suggerieren mag. Gebrochene Persönlichkeiten reihen sich ebenso in die Besucher des Hotels ein wie jene Killer, deren Beweggründe bei der Berufswahl sogar nachvollziehbar erscheinen. Diese zugegeben absurde Mischung ergibt aber eine absolut gelungene Kombination aus Spannung und Drama.
Das wird im zweiten Band fortgeführt, wobei sich der Fokus nun mehr auf die beiden Hauptfiguren verlagert – das Geschwisterduo. Es baut sich ein roter Faden auf, der im ersten Band erst lose geknüpft wurde, nun aber mehr Kontur erhält. Die Autoren lassen mehr von der Vergangenheit Saras und Ikuros durchscheinen, bleiben aber noch vage und bauen dafür die Welt um sie herum weiter aus. Die Strukturen hinter dem Hotel, welche Organisation mit welcher verwoben ist, kommen deutlicher zum Tragen – damit auch die eine oder andere unschöne Situation für die Geschwister, denn ihre Gäste sind nun einmal Auftragskiller.
Zeichenstil mit Schönheit
Der Stil des Mangas ist optisch einfach gehalten. An manchen Stellen wirken Killer wie das, was sie sind: Gäste eines Hotels, und treten schnöde in den Hintergrund. Kleidung und Frisuren sind eher schlicht gehalten – Action- und Kampfszenen hingegen strotzen vor Energie und Detailgenauigkeit. Selbst die kalten Augen, die die blutigen Gesellen begleiten, werden eindrucksvoll dargestellt. Blut – das gibt es reichlich. Der Splatter hält sich dabei aber eher in Grenzen, immerhin soll ein Hotel ja reinlich und sauber bleiben.
Trotz aller Killer nimmt die Gewalt nicht den größten Raum ein. Stattdessen wechseln die Szenen zwischen der eleganten Umgebung des Hotels und den Kampfszenen wellengleich hin und her, was ein Gefühl der „Normalität“ des Nichtnormalen vermittelt – ganz offensichtlich von den Autoren beabsichtigt. Aufmerksamkeit erhalten vor allem die Gesichtsausdrücke. Manch einem Killer sieht man entweder die Mordlust an oder aber die pure Resignation gegenüber der Gesellschaft und seinem Leben. Da kann man einen schiefen Part oder ein nicht ganz perfekt gezeichnetes Auge verkraften – Schatten- und Lichtspiele hingegen scheinen einen perfekten Tanz aufzuführen.
Fazit:
Insgesamt überzeugt HOTEL INHUMANS durch seine originelle Grundidee und die gelungene Balance zwischen episodischem Erzählen und übergeordneter Handlung. Wer Geschichten mag, die moralische Tabus ausloten und gleichzeitig stilistisch stark umgesetzt sind, wird hier definitiv fündig. Gerade die Kombination aus ruhiger Hotellogik und brutalen Killer-Schicksalen macht den besonderen Reiz der Reihe aus.
Ein atmosphärisch dichter Auftakt mit ungewöhnlichem Setting und viel Potenzial – Band 2 zeigt bereits, dass sich hier eine größere, tiefgründige Geschichte entwickelt.
LILI SCHMIRGAL
Autor: Ao Tajima
Zeichner: Ao Tajima
Verlag: Carlsen Manga
Seiten: 208