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Begabung am Abgrund

Die zweibändige Erzählung aus der Feder von Teki Yatsuda schafft ein sehr intensives Erlebnis im beliebten Bereich des Boys Love. Das Werk, nach Deutschland gebracht durch den Carlsen Verlag, verwebt emotionale Abhängigkeit mit künstlerischer Begierde, die sowohl fasziniert als auch ein Gefühl der Beklemmung auslösen mag – gerade wenn die ersten Seiten den Glauben vermitteln, man hielte ein zuckersüßes Werk in den Händen. Und irgendwo ist es eine Mischung aus all dem.

Kitahara Kei ist ein begnadeter Autor. Zeilen, die bannen, und mitreißende Geschichten sind sein Markenzeichen – aber diese Begabung hat einen Haken. Menschen, die seinem Geist als Inspiration dienen, werden von tragischen Schicksalen getroffen. Dabei möchte er nicht mehr, als seiner Leidenschaft zu frönen, aber nicht um den Preis, den sie zu fordern scheint. Er ist der festen Überzeugung, bei einem Unfall, den er überlebte, einen Shinigami aufgesammelt zu haben: einen Todesgott.

Mit dem Fotografen Yoichi scheint sich eine Wendung anzubahnen. Doch die Angst, ihm könnte etwas passieren, überwiegt. Düstere Vorahnungen begleiten Kitahara, der, tief gefangen in seiner Alkoholabhängigkeit, versucht, die Ängste um das Schicksal seiner vergangenen Musen zu betäuben, und der neuen Inspiration kein Vertrauen schenken möchte.

Doch die Anziehung sowie der Wunsch nach Normalität und einem neuen Schaffen gewinnen in dem ambitionierten Künstler schnell die Oberhand – immerhin lässt sich eine Passion nicht so schnell unterdrücken, und Liebe stand zumindest nicht auf Kitaharas Fahrplan. Aber wie auch in seinen Büchern geht das Leben so manches Mal verschlungene Pfade.

Spannung auf dem Zeichenpapier

Fast meint der Leser, Kitahara Kei verfüge über eine Form von Fluch – oder eine mystische Begabung, über die er ebenso wenig Kontrolle hat wie über seine Alkoholsucht. Ob unheimliche Gabe oder einfach nur Meister Zufall – das lässt die Autorin lange im Raum stehen, was eine sehr drückende und mysteriöse Spannung über die Erzählung legt. Mit zwei Bänden scheint es nicht viel Platz für große Entwicklungen zu geben – ein Trugschluss. Der erste Band zeigt deutlich den Absturz des sonst so erfolgreichen Autors mit all seinen hässlichen Nebenwirkungen. Yoichi wirkt fast unschuldig, als er in das Leben des alkoholliebenden Autors stolpert, der mit ihm nach langer Zeit wieder einen Funken Licht findet, dem er erst noch vertrauen lernen muss.

Der zweite Band zeigt, dass weniger oft mehr ist – auf unnötige Dramen oder künstlich in die Länge gezogene Dialoge sucht man vergeblich. Stattdessen nutzt Yatsuda die Seiten, um die im ersten Band aufgebauten Themen wie die kreative Abhängigkeit von einer Muse sowie die Frage nach der Schuld am Schicksal anderer zu reflektieren.

Leser dürfen sich hier auf ein konsequentes, ehrliches Ende freuen, das der über zwei Bände aufgebauten Intensität Rechnung trägt. Beide Charaktere erleben unterschiedliche Entwicklungen, die sich der Handlung entsprechend folgerichtig anfühlen und keinen Raum für Zweifel an ihren schließlich getroffenen Entscheidungen lassen. Natürlich gibt es Raum für knisternde Erotik, allerdings ist diese der Geschichte zuliebe zurückhaltend und eher angedeutet.

Entsprechend liegt der Fokus zeichnerisch weniger auf episch aufwendigen Hintergründen oder Ähnlichem. Yatsuda setzt auf Körpersprache und Mimik – gerade an jenen Stellen, an denen das Denken den Worten Raum lässt, sollten Leser ein Auge auf sie haben, verraten sie doch mehr, als jedes Wort schreiben kann. Bei Yoichi kommt eben dies besonders zum Tragen, wechselt er doch allzu oft zwischen Unschuld und Verführung hin und her – häufig unbewusst, was seine Figur im Gegensatz zum abgebrüht wirkenden Kitahara besonders niedlich wirken lässt.

Der dunklen Grundstimmung trägt die Zeichnerin Rechnung, indem sie auf Schattenspiele setzt, die zwar bewusst dezent gehalten sind, aber gerade deswegen in dem einen oder anderen kleinen Panel große Wirkung entfalten – eben weil sie diese eher zurückhaltend gestaltet und mit sanfter Ruhe inszeniert. Ihre zarten Linien, die wirken, als wären sie mit einer hauchdünnen Feder gezeichnet, unterstreichen ihre Herangehensweise an Geschichte und Kunst.

Fazit:

Insgesamt ist SLEEPING ON PAPER BOATS ein atmosphärisch dichtes Werk, das sich deutlich von klassisch-romantischen Boys-Love-Geschichten abhebt. Wer eine Mischung aus Tragik, psychologischer Spannung und intensiver Figurenzeichnung sucht, findet hier eine kurze, aber nachhaltige Leseerfahrung.

LILI SCHMIRGAL

Titel: SLEEPING ON PAPER BOATS Band 1
Autor:  Teki Yatsuda
Zeichner:  Teki Yatsuda
Verlag: Carlsen Manga
Seiten: 242
Titel: SLEEPING ON PAPER BOATS Band 1
Autor:  Teki Yatsuda
Zeichner:  Teki Yatsuda
Verlag: Carlsen Manga
Seiten: 224

 

 

Carlsen, Boys love, jagan