Unsichtbar sichtbar
Der südkoreanische Webtoon KILLING STALKING aus der Feder von Koogi erscheint aktuell in der Printversion bei Altraverse. Das Werk um Mord, Tod und Lust ist ebenso verstörend wie faszinierend – es spielt mit allen Sinnen der Leserschaft und selbst hartgesottene Krimi-Liebhaber sollten hier mit dickem Augenaufschlag an die Seiten gehen.
Im Mittelpunkt steht Yoon Bum, ein sozial isolierter, traumatisierter junger Mann, der eine krankhafte Faszination für den charismatischen Oh Sangwoo entwickelt. Getrieben von Einsamkeit und verzerrter Wahrnehmung bricht Bum schließlich in Sangwoos Wohnung ein – nur um dort ein grausames Geheimnis zu entdecken: Sangwoo ist ein Serienmörder. An Flucht aber denkt Yoon Bum nicht – stattdessen zieht er ein Spiel aus Abhängigkeit und Gewalt vor, das ihn in einen giftigen, zerknirschenden Bund mit dem Mörder treibt.
Der Tanz, den beide Männer aufführen, wirkt wie ein schattenhaftes Theater. Macht, Kontrolle und Manipulation, die Sangwoo einsetzt, um Yoon Bum an sich zu binden, scheinen für Letzteren gar nicht tief genug gehen zu können – ein gefundenes Fressen für einen Serienmörder, der in seinem faszinierten Anhänger etwas gefunden hat, das kein Mord ihm je geben könnte: eine Spielwiese für die Auswüchse seiner Fantasien, die so morbide sind wie die Gelüste und Gedanken seines „Spielgefährten“.
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KILLING STALKING ist ein psychologisches Schriftstück, das ohne Spannungsbögen auskommt. Koogi entscheidet sich stattdessen für stetig wachsende Eskalation, die von beiden Seiten ausgeht. Yoon Bum zeigt deutlich Symptome komplexer Traumafolgestörungen, darunter Angststörungen, Abhängigkeitstendenzen und ein überaus verzerrtes Selbstbild. Seine Vergangenheit – geprägt von Missbrauch und Vernachlässigung – erklärt teilweise, warum er selbst in lebensgefährlichen Situationen Nähe sucht und einen Serienmörder nicht scheut.
Oh Sangwoo hingegen verkörpert klassische Züge einer antisozialen Persönlichkeitsstörung, in Fachkreisen als Sozio- oder Psychopath bezeichnet. Ihn prägen fehlende Empathie, manipulative Fähigkeiten und eine äußerst impulsive Gewaltbereitschaft. Trotz dieser beiden Gegensätze – eine klassische Täter-Opfer-Dynamik lässt KILLING STALKING vermissen. Stattdessen legt Koogi den Fokus darauf, wie Gewaltkreisläufe entstehen, wenn zwei Extreme aufeinandertreffen und wie diese sich fortsetzen können.
Die Geschichte greift Themen auf, die ungern gehört oder gelesen werden möchten. Dazu gehören psychische Erkrankungen, die Unsichtbarkeit von Missbrauch in all seinen Facetten und die Romantisierung von toxischen Beziehungen – denn Dominanz und Gewalt sind zu keinem Zeitpunkt gesund, vor allem dann nicht, wenn körperliche und psychische Gewalt überwiegen und Liebe nur ein fernes Märchenmotiv ist.
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Emotionaler Farbentanz
Wenn Koogi eines beherrscht, dann, seine Figuren nicht allein durch Worte und Taten handeln zu lassen. Dabei wird nichts überzeichnet, stattdessen steht gnadenloser Semi-Realismus im Vordergrund. Mimiken der Figuren zeigen deutlich Angst, Verzweiflung, aber auch Wahnsinn in all seinen Formen. Starke, akzentreiche Schatten spielen bei diesen Darstellungen eine große Rolle, verzichtet er sonst weitgehend auf eine übermäßige Farbwahl, was die Atmosphäre manch einer Situation umso beklemmender macht.
Nicht weniger einengend sind die Panels. Sie sind eng und dunkel gehalten, Hintergründe werden wenig ausgearbeitet, um den Figuren Raum zur Wirkung zu schenken. Manche der Seiten wirken fast klaustrophobisch und lassen Lesern und Figuren kaum Luft zum Atmen. Gewalt wird nicht beschönigt oder übermäßig ästhetisiert – stattdessen wirkt sie roh und unangenehm, real und schaurig.
Fazit
KILLING STALKING ist kein leicht konsumierbarer Titel für das Lesen zwischendurch. Gerade Yoon Bums Halluzinationen sorgen für Verwirrung, folgt man den Panels und der Erzählung fahrlässig. Wer sich darauf einlässt, erhält eine intensive Studie über Trauma, Gewalt und menschliche Abgründe. Dabei liegt die Stärke weniger in der Handlung selbst als in den Figuren und ihrer komplexen Dynamik. Ein Werk, das fasziniert – und gleichzeitig tief zu erschüttern vermag.
LILI SCHMIRGAL
Autor*innen: Koogi
Zeichner: Koogi
Verlag Deutschland: altraverse