Ein College, das keines ist
Hört der geübte Leser das Wort „Mafia“, denkt er an Schießereien, Blut und Bandenkriege – oder alles, was dazwischen stattfindet. Romanzen haben in der Welt der Clan-Bosse und Blutfehden keinen Platz – eigentlich. In Autorin Sophia Larks Werk KINGMAKERS hat das alles eine Bühne – ohne sich dabei selbst zu übernehmen. KINGMAKERS – JAHR 1 ist der Auftakt einer fünfteiligen Serie, die 2021 begann und 2022 ihren vorerst letzten Band erhielt. Jeder Band beleuchtet andere Figuren, bleibt aber im selben Universum – Zeit für einen Blick auf Band 1.
KINGMAKERS spielt an einem ungewöhnlichen Elite-Internat, das mit dem magisch-lustigen Hogwarts nicht viel zu tun hat, obwohl das Titelbild diesen Flair für sich beansprucht. Das Internat ist statt magischer Tiere und Zaubersprüche eine Mafia-Akademie, bei der Survival-Training auf dem Stundenplan steht. Dabei geht es weniger darum, Waffenkämpfe zu überleben, sondern darum, politisch-taktisch in der toxischen High Society der Unterwelt zu bestehen.
Leichter gesagt als getan, sind die Schülerinnen und Schüler Sprösslinge der gefährlichsten Familien der Welt – Mafiosi, Kartell-Erben oder gar Nachfolger berüchtigter Drogenbanden – es gibt nichts, was das finstere Internat nicht beherbergt. Einfluss und Einschüchterung sind die obersten Tugenden, will ein Frischling Erfolg und ein ruhiges Schülerleben haben. Anna und Leo sind Kindheitsfreunde und gehören zu den einflussreichsten Mafia-Familien überhaupt. Gemeinsam gehen sie auf das KINGMAKERS, wo ihre sonst stahlharte Freundschaft auf harte Proben gestellt wird.
Einer der Schüler hat es auf Leo abgesehen – Dean Yenin. Er ist getrieben von Rache und will alles zerstören, was Leo wichtig ist, und scheut dabei vor nichts zurück – auch nicht vor Anna.
Düstere Schrift
Dark Romance ist nichts für schwache Herzen und schwindende Nerven. Und schon gar nicht, wenn Sophie Lark auf dem Lesekissen liegt. Ihr Schreibstil ist leicht zugänglich und verzichtet großzügig auf Wortspielereien oder langatmige Erklärungen – Leser können daher schnell in die Welt des dunklen Internats eintauchen und die Flure gemeinsam mit den Figuren erkunden.
Lark setzt auf Spannung und lädt viele Situationen entsprechend auf, verfällt dabei aber nicht in überdramatische Darstellungen, die überspitzt oder gar lächerlich wirken. Deans brennender Hass ist ebenso nachvollziehbar wie Annas schwindender Unmut über das Internat – die Tatsache, dass Lark ihre Geschichte aus verschiedenen Perspektiven erzählt, macht die unterschiedlichen Akteure mit ihren Gefühlen und Gedanken noch fassbarer.
Entsprechend kurz sind die Kapitel, denn die Figuren benötigen jeweils ihren eigenen Raum, um sich entfalten zu können. Die ständig wechselnde Figurenperspektive ist nicht jedermanns Geschmack, trägt aber dazu bei, dass die Geschichte rasch voranschreiten kann – und das gereicht KINGMAKERS nicht zum Nachteil.
Gerade die sinnlichen Szenen erleben durch die Wahl des Erzählstils ganz neue Facetten. Während Anna das Prickeln zwischen ihr und Leo als eine Mischung aus Gefahr und Geborgenheit empfindet – immerhin ist er seit ihrer frühen Kindheit bei ihr. Leo ist ihr Halt in dieser Welt voller Lügen und Gewalt. Dabei ist ihr vollkommen bewusst, dass jede Bindung eine Gefahr für ihn und sie bedeutet. Leo hingegen scheint über all ihre Sorgen erhaben. Er ist bereit, alles für sie zu geben, um ihr zu beweisen, was sie wahrhaftig für ihn ist – damit entscheidet er sich lange vor Anna für sie – und für sich selbst.
Fiktion mit realen Anklängen
Obwohl KINGMAKERS keine historische Reihe ist, spielt sie mit realweltlichen Strukturen: Mafia-Familien, Clan-Hierarchien, Codes von Loyalität und Ehre. Die Figuren stammen aus „den gefürchtetsten Familien der Welt“ – ein klarer Hinweis auf organisierte Kriminalität, wie man sie aus Italien, Russland oder Lateinamerika kennt.
Das College selbst ist natürlich komplett fiktiv, die Ausbildung ist dramatisch überzeichnet und dient der Dark-Romance-Spannung. Politische und historische Hintergründe der Mafia werden nur atmosphärisch angedeutet, aber nicht realistisch ausgearbeitet. Im Fokus steht klar die Romanze und alles, was ihr im Weg steht.
Fazit
Kingmakers ist ein intensiver, atmosphärischer Einstieg in eine Dark-Romance-Welt, die mit Mafia-Mythologie, Intrigen und emotionalen Konflikten spielt. Es ist kein realistisches Mafia-Drama, sondern ein überhöhtes, gefährliches Coming-of-Age an einem Ort, an dem Macht alles bedeutet.
LILI SCHMIRGAL
Autor: Sophia Lark
Seiten: 512
Land: USA 2024
Verlag: Bloom Books
Veröffentlichung: Veröffentlicht