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Ein Anfang mit Ende

Das Böse besiegen, Frieden in die Welt bringen und am Ende das Glück für jeden – was das Ende vieler Fantasy-Abenteuer ist, ist im Manga FRIEREN – NACH DEM ENDE DER REISE erst der Beginn. Elfenmagierin Frieren lebt länger, als Menschen es sich ausmalen können – 100 oder gar 1000 Jahre sind für sie nur ein Bruchteil ihrer Lebenszeit. Aber es ist Zeit, die sie lernen soll zu schätzen, als sie einen ihrer Kameraden an den Tod verliert und den Beginn einer neuen Reise orchestriert.

Der finstere Dämonenkönig, dessen Schergen über Jahrhunderte die Welt heimgesucht haben, wurde vom Helden Himmel und seinen Gefährten Heiter, Eisen und Frieren in die ewigen Abgründe der Geschichte geschickt. 10 Jahre dauerte die Reise, auf der die Heldentruppe allerlei Abenteuer erlebt und Gefahren gemeistert hat. Was für Menschen eine lange Zeit ist, ist für Elfenmagierin Frieren nur ein Zehntel ihres Lebens – ein kleiner Wimpernschlag. Sie fühlt anfänglich weder Trauer noch etwas anderes, als die Gruppe sich nach dem gemeinsamen Ansehen des seltenen Ära-Meteorschauers – der nur alle 50 Jahre die Erde streift – verlässt. In 50 Jahren, zum nächsten, wollen sie sich alle wiedersehen.

Als Frieren ihr Versprechen hält, stellt sie fest, dass ihre Freunde sehr gealtert sind, sie hingegen hat sich nicht verändert. Gemeinsam macht sich die ehemalige Heldentruppe auf, den Meteorschauer einmal mehr zu sehen, dieses Mal an einem Ort, der magischer sein soll als zuvor: einem See, der wirkt wie ein Spiegel, in den man sich stellen könnte, um die fallenden Sterne anzusehen. Kurz darauf stirbt Himmel – für Frieren soll es ein einschneidendes Erlebnis werden, denn sie erkennt, sie wusste nichts über ihre Gefährten, und der Tod Himmels lässt sie in Tränen ausbrechen.

Sein Tod wird ihr Anlass, auf eine Reise zu gehen – dieses Mal nicht allein, um Magie zu sammeln, wie sie es vor dem Abschied 50 Jahre zuvor tat –, sondern um die Menschen besser kennenzulernen. Vor allem möchte Frieren die Reise mit Himmel nachempfinden, um die Dinge zu verstehen, die er sie lehren wollte, sie aber noch nicht bereit war zu sehen.

Menschlichkeit und Liebe

Für all jene Leser, die Fantasy lieben, aber Action suchen, sollten von FRIEREN – NACH DEM ENDE DER REISE die Finger lassen. Die Geschichte um Frieren und ihre Suche nach der Sinnhaftigkeit des Menschseins und ihrer Nachverfolgung der Abenteuer mit Himmel baut sich langsam auf – denn die Elfenmagierin hat vor allem eines: Zeit.

Aber trotz ihrer 1000 Jahre – Frieren wirkt oft kindlich, naiv, und selbst ihre spätere Schülerin Fern zeigt in ihren Teenagerjahren mehr Reife als ihre Meisterin beim Erlernen der magischen Kunst. Frieren schläft lange und steht ungern am Morgen auf, sie hat eine Vorliebe dafür, sich stundenlang einer Sache zu widmen – wenn es sein muss, auch Wochen und Monate –, und mit Geld weiß sie gar nicht umzugehen; magische Relikte und Bücher sind ohnehin viel spannender.

Ihre eigenen Gefühle sind Frieren, oft ohne dass sie es merkt, selbst fremd – ebenso die ihrer Mitstreiter. Dass Frieren wenig über die Menschen weiß, zeigt sich immer wieder in den seltsamsten Momenten: Zum Beispiel versteht sie nicht, warum Fern eine Abneigung gegen eine magische Tinktur hat, die sie ihrem späteren Reisegefährten Stark schenken will, der sämtliche Kleidung verschwinden lässt.

Trotz aller Missverständnisse: Die Geduld, die Frieren ihren Zöglingen entgegenbringt, erhält sie zurück. Fern begleitet Frieren auf verschiedenen Etappen, um ihre Abenteuer und die damit verbundenen Gefühle für Himmel zu ergründen. Viele Worte, die Himmel ihr während der 10-jährigen Reise gegeben hat, erschließen sich Frieren erst durch die Reisen mit Fern und Stark – dem Leser wird so die Möglichkeit gegeben, die Abenteuer der alten Heldengruppe in Abschnitten mitzuerleben. Dabei liegt das Augenmerk auf den zwischenmenschlichen Beziehungen, wobei es nicht immer Worte sind, die sprechen. Lesern wird angeraten, sich die Zeit zu nehmen, ihre Augen über die Bilder schweifen zu lassen. Manche Gefühle ergründen sich nur so; abschnittsweise verzichtet der Manga bewusst auf Worte, um den Figuren mehr Menschlichkeit und Nahbarkeit zu schenken und Momente für sich selbst sprechen zu lassen.

Der Zeichenstil trägt maßgeblich zur Ruhe der Geschichte bei. Kämpfe, die eine untergeordnete Rolle spielen, gehen schnell, aber aufwendig inszeniert über die Panels. Ansonsten konzentriert sich FRIEREN – NACH DEM ENDE DER REISE auf die verschiedenen Regionen, die das Trio besucht. Von saftigen, grünen Wiesen über eisverhangene Berge – wenn auch in Schwarz-Weiß – weht die detailgenaue Darstellung bis zur kleinsten Blume den Duft des üppigen Grases wie ein Frühlingswind durch das Papier. Eine Einladung, bewusst innezuhalten, um Zeit, Figuren und Landschaft auf sich wirken zu lassen.

Fazit:

FRIEREN – NACH DEM ENDE DER REISE ist ein Manga, der Liebe und Menschlichkeit neu definiert. Himmel, der sich seiner eigenen Sterblichkeit bewusst war, hinterließ Frieren, die so wenig über die Menschen verstand, Spuren, um ihm und ihrer Reise zu folgen, sobald die Elfenmagierin so weit ist. Die Sanftheit, mit der die Erschaffer die Leser durch die Welt führen, sucht ihresgleichen in der weiten Flut der Mangas. Das Werk ist nichts, was sich in der Kaffeepause liest, sondern sollte in Ruhe still auf dem Sofa gelesen werden – mit Kuscheldecke, Taschentüchern und einem Tee – zur Beruhigung der Emotionen.

Der Manga richtet sich an all jene, die in schwierigen Zeiten auf der Welt Ruhe suchen, Liebe neu entdecken und Gefühle um das Menschsein gänzlich neu für sich definieren möchten. Es braucht nicht mehr, als zu verstehen, dass Zeit das höchste Gut ist, das wir besitzen – und zu wenige wissen sie zu schätzen.

LILI SCHMIRGAL

Titel: FRIEREN – NACH DEM ENDE DER REISE (Band 14)
Autor: Kanehito Yamada
Zeichner: Tsukasa Abe
Verlag Deutschland: altraverse
Veröffentlichung: Veröffentlicht