Inhalt mal anders
Yōkai – der Inbegriff einer Geisterwelt, die so vielfältig ist wie die Heerscharen an „Pokémon“, die Nintendo bevölkern. Die Dämonenwesen prägen seit Jahrhunderten die Kultur und haben ihren Weg in die unterschiedlichsten popkulturellen Güter japanischen Nerdtums gefunden. Sie erscheinen als ruhelose Gespenster, die keinen Platz im Jenseits finden, oder als Gestaltwandler, die Menschen mit List und Grausamkeit herausfordern. In seinem Werk „Yōkai – Geister“ begibt sich der französische Autor, Gerichtsmediziner, Archäologe und Anthropologe Philippe Charlier auf die Spuren der Yōkai.
Wer glaubt, YŌKAI – GEISTER sei eine Sammlung verschiedener, übersetzter Geschichten aus dem Yōkai-Wirrwarr japanischer Texte, der sollte die Hände von diesem Buch lassen. Im Zentrum des Buches stehen hochwertige Holzschnitte, die Nachdrucke verschiedener originaler Schriften Japans sind, die sich mit der Kultur der Geisterwesen befassen.
Dabei wird eine große Bandbreite an Thematiken präsentiert – von Kriegen, die Yōkai hervorbrachten, über die Welt selbst, aus der die Yōkai stammen, bis hin zu Menschen, die selbst zu den schelmischen Wesen wurden. Die Holzschnitte zeigen die Grausamkeit, die List, aber auch die guten Seiten der magischen Wesen.
Die begleitenden Texte von Philippe Charlier, einem Gerichtsmediziner, der sich seit Jahren mit kulturhistorischen und mythologischen Themen beschäftigt, beziehen sich auf die verschiedenen Holzschnitte. Seine Ausführungen hält er kurz und prägnant – er ordnet die Bilder einem historischen Kontext zu oder erläutert gar, wie die abgebildeten Yōkai entstanden sind. Dabei sieht er von Fachwörtern ab – was aufgrund seiner verschiedenen Professionen nicht selbstverständlich ist. Sein Buch wird dadurch zugänglich für alle Wissenshungrigen, die sich erstmals mit Yōkai beschäftigen.
Fabelhafte Machart
Das Buch ist ein hochwertig gestalteter Bildband, der bereits haptisch beeindruckt. Der Stoffbezug des Umschlags mit abgegriffen wirkender Farbe, der schwarze Farbschnitt und das Verschlussbändchen verleihen ihm eine fast rituelle Anmutung – als hielte man ein altes Schriftstück in der Hand, das mehrere Jahrhunderte in einem Tempel lag, ungesehen und ungeöffnet.
Das Werk ist auf Langlebigkeit ausgelegt und mit seinen prächtigen Farben ein wahrer Augenschmaus. Die Drucke sind farblich kräftig, detailreich und bleiben dennoch leicht verwaschen – der Flair eines alten Buches soll ja erhalten bleiben. Sie zeigen Yōkai nicht als reine Schreckgestalten, sondern als Figuren, deren Erscheinung zwischen Humor, Horror und Fantasie changiert.
Die Reproduktionen wirken sorgfältig kuratiert: Farbnuancen, Linienführung und Texturen der historischen Drucke kommen klar zur Geltung. Dadurch entsteht ein lebendiges Bild der visuellen Erzähltraditionen Japans, aus denen später die heute beliebten Mangas hervorgegangen sind. Die Kombination aus kunsthistorischer Präzision und erzählerischer Vielfalt macht den Band zu einem eindrucksvollen Dokument japanischer Bild- und Kulturgeschichte.
Fazit
YŌKAI – GEISTER ist ein kunstvoll gestalteter Bildband, der die faszinierende Welt der japanischen Geisterwesen in einer ästhetisch wie inhaltlich überzeugenden Form präsentiert. Die Mischung aus prachtvoller Ausstattung, eindrucksvollen Holzschnitten und informativen, aber leicht zugänglichen Texten macht das Buch zu einem Erlebnis, das man immer wieder zur Hand nimmt. Es eignet sich sowohl für Liebhaber japanischer Kultur als auch für Menschen, die sich von außergewöhnlicher Buchgestaltung begeistern lassen.
LILI SCHMIRGAL
Autor: Philippe Charlier
Genre: History, Mystery
Land: Frankreich 2025
Seiten: 192
Verlag: Prestel Verlag
Datum Ersterscheinung: Veröffentlicht