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Die einsame Hexe

Ein wenig Magie, ein wenig Romantik und vielleicht eine Prise Inspiration der Gebrüder Grimm – fertig ist LUNA – DIE CHAMPIGNONHEXE. Der Verlag bringt damit ein neues Werk von Tachibana Higuchi auf den Markt, deren erstes Werk „Alice Academy“ bis 2013 beim Carlsen Verlag erschien. Von den 31 Bänden wurden in Deutschland allerdings nur 18 veröffentlicht – umso schöner für Liebhaber, dass Altraverse nun das neueste Werk der Autorin präsentiert.

Zurückgezogen lebt die Dunkelhexe Luna in einem Haus, das wie ein riesiger Giftpilz aussieht. Trotz Giftpilz und Dunkelmagie ist Luna keine böse Hexe. Sie liebt es, Heiltränke zu brauen, die sie in der Stadt verkauft. Dabei versucht sie, Säfte herzustellen, die den Menschen wirklich helfen. Unterstützt wird sie vom Rind Minos, das regelmäßig ihre Waren trägt, sowie von verschiedenen Tieren und Geistern. Einsam ist sie also nicht.

Doch die Städter fürchten sie. Lunas Körper verströmt Gift, und wo sie geht und steht, wachsen Pilze aus dem Boden. Ihr nahe zu sein, kann tödlich enden. Nur der Apotheker und der Bibliothekar fürchten sie nicht – Ersterer verdient gutes Geld mit ihren Tränken, Letzterer ist halb Mensch, halb Geist.

Luna liebt Liebesromane. Eines Tages zeichnet sie einen Jungen, den sie in der Stadt gesehen hat – manchmal werden ihre Bilder lebendig, wenn sie besonders schön geraten sind. Durch das erwachte Bild erlebt sie zum ersten Mal das Gefühl menschlicher Nähe. Doch bei ihrem nächsten Besuch in der Stadt stellt sie fest, dass sie ihm durch ihre Zeichnung offenbar einen Teil seiner Seele geraubt hat. Es scheint, als könne nur die Zerstörung des Bildes ihn heilen.

Zeichenstil mit Nostalgiehauch

Tachibana Higuchis Stil erinnert an Arthur Rackham. Um 1900 begann Rackham, eine Sonderausgabe der Märchen der Brüder Grimm zu illustrieren. Bis 1909 ergänzte er seine zunächst eher groben Strichzeichnungen um zahlreiche Farbtafeln. 1917, mitten im Ersten Weltkrieg, wandte er sich erneut den Grimmschen Märchen zu – diesmal mit einer anderen Interpretation. Während seine erste Ausgabe unerbittlich düster war, strahlte die spätere genau das aus, was die menschliche Seele in Zeiten von Zerstörung und Hoffnungslosigkeit brauchte: Schönheit, Zauber, Charme, Hoffnung und sogar Humor.

Diese Ästhetik findet sich auch in den Zeichnungen der japanischen Künstlerin. Die Eleganz und filigrane Federführung, die Rackhams Werke auszeichnen, spiegeln sich in Szenen wider, in denen Luna Geschichten aus Büchern zum Leben erweckt oder mit ihrem Schwarm durch einen sternenerfüllten Himmel tanzt. Lunas Haus und der Wald wirken wie einem Märchen der Gebrüder Grimm entsprungen – weit, hell und voller magischer Kreaturen.

Die Dunkelhexe selbst wirkt trotz der Pilze, die bei jedem ihrer Schritte wachsen, und trotz des giftigen Gases, das sie umgibt, fast wie eine Prinzessin aus einem Disney-Film. Magische Tiere und hilfreiche Geister, die ihr ohne Befehl zur Seite stehen, erinnern an „Schneewittchen“ oder „Cinderella“. Higuchi verbindet ihre eigene Kreativität mit bekannten Motiven und erschafft ein modernes Märchen. Mit Luna gelingt ihr eine Figur, die selbst im Shōjo-Genre ungewöhnlich ist: eine träumerische Realistin, die sich trotz mächtiger Magie und der Ablehnung durch die Menschen die Magie in ihrem Herzen nicht nehmen lässt.

Fazit

Der erste Band ist bereits bei Altraverse erhältlich. LUNA – DIE CHAMPIGNONHEXE eignet sich für alle, die Märchen lieben, ebenso wie für Leser, die Romantik und Magie schätzen. Die verspielte und zugleich ernste Thematik rund um Liebe, Ablehnung und Anderssein verpackt Higuchi sanft und dennoch nachdenklich. Eine klare Leseempfehlung.

LILI SCHMIRGAL

Titel:  LUNA – DIE CHAMPIGNONHEXE (Band 02)
Autorin: Tachibana Higuchi
Genre: Shojo, Fantasy
Land: Japan / 2020
Verlag: altraverse
Erscheinungsdatum: erschienen