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In der Stille liegt die Kraft

Euro-Mangas sind auf dem Vormarsch – einem weiteren europäischen Künstler gewährt der Hamburger Verlag Altraverse Unterschlupf. Mit seinem Werk SILENCE geht Euro-Mangaka Yoann Vornière einen ungewöhnlichen Weg der Geschichtserzählung.

Die Sonne ist das Lebenslicht – ohne sie kann auf der Erde nichts gedeihen. Selbst wenn sie sich nur hinter den Wolken versteckt, heißt das für die Einwohner der Erde, dass ein Überleben schwierig wird.

Monster beherrschen die Erde, seit die Sonne hinter den Schleiern der Welt verschwunden ist. Die wenigen Menschen, die überlebt haben, fürchten die Kreaturen und halten sich bedeckt. Lautes Sprechen ist unerwünscht, Gebärdensprache ist das Kommunikationsmittel in dieser dunklen Zeit.

Der Junge Klinge lebt mit anderen Überlebenden in einer großen Kirche. Entbehrungen und Angst prägen das Leben der Gemeinde. Hoffnungen geben hier Geschichten, die Klinge den Kindern stets erzählt, bevor sie ins Land der Träume wandern – von einem Helden, der sie einst alle retten soll.

Eines Tages verlässt Klinge erstmals die Zuflucht, um mit dem alten Gris auf die Jagd zu gehen – denn jeder Mensch muss essen. Nach dem Zusammenstoß mit einem gewaltigen Feuereber verliert Gris fast sein Leben.

Nicht zuletzt Klinges Unachtsamkeit geschuldet, macht sich der Junge mit seiner Freundin auf den Weg, um die nötige Nahrung nun selbst zu besorgen – still und heimlich. Doch sie finden in der rauen Natur nicht nur Hoffnung, sondern auch ein ungeheuerliches Geheimnis. Die Dämonen könnten der Anfang vom Ende ihrer Not sein – zu einem hohen Preis.

Gekocht wie popkultiviert

SILENCE ist ein gesunder Mix verschiedener Elemente der Popkultur. Am Ende des ersten Bandes findet sich eine kleine Anekdote über den Feuereber. Hier schreibt der Autor, dass Wildschweine ja das Lieblingsessen eines besonderen Helden seien. Nun, die Römer haben wegen dieses Galliers namens Obelix die ein oder andere Niederlage einstecken müssen.

„Asterix“ und „Obelix“ wären ohne den Zaubertrank niemals so mächtig – Tränke spielen in der Welt von SILENCE eine große Rolle. Mit ihnen können Menschen Fähigkeiten der verschiedenen Dämonen übernehmen, vorausgesetzt, die Zutaten stimmen. Um diese zu bekommen, bedarf es mehr als druidischer Zauberkräfte, denn den Kreaturen ist nur mit bloßer Gewalt beizukommen.

Stilistisch erinnert das Werk von Yoann Vornière an eine Mischung aus „Dragon Ball“ und alten Comics wie „Asterix“. Die Linienführung ist dick und ausdrucksstark, kaum ein Panel kommt ohne eine ordentliche Portion Schwarz daher. So unterstreicht Yoann den düsteren Grundton seiner Geschichte. Den älteren Menschen schenkt der Künstler sehr markante Gesichtszüge – der alte Gris erinnert mit seiner spitzen Nase und seinem scharfen Kinn an den guten alten Julius Cäsar aus der „Asterix“-Reihe.

Auszutoben scheint sich Yoann bei den Kleidern seiner Akteure. Klinges Kleidung könnte mit ihren Fellen und dicken Gürteln glatt dem „Monster Hunter“-Universum entsprungen sein, hingegen wirkt die geheimnisvolle Luna wie eine Miko des japanischen Mittelalters. Diese gesunde Mischung zeigt sich außerdem bei den Dämonen – ob französische oder japanische Folklore, Künstler Yoann baut sich seine Welt, wie sie ihm gefällt.

Fazit:

SILENCE ist ein aufregender Euro-Manga. Nicht nur die Ausflüge in verschiedene Regionen der Popkultur machen ihn spannend, sondern vor allem die Nutzung der Gebärdensprache – zwar kann der Leser diese durch Sprechblasen nachvollziehen, das Gefühl von Angst und Enge bleibt jedoch allgegenwärtig.

Seine Panels, großzügig angelegt, aber oft einzeln gefüllt, unterstreichen diese Beklemmung zusätzlich. Die Geschichte ist weder schnell noch langsam, das Tempo ist auf Ausdauer ausgelegt. Wer sich auf SILENCE einlassen kann, findet schnell heraus, dass oft in der Ruhe die Kraft liegt.

LILI SCHMIRGAL

Titel: SILENCE Band 2
Autor: Yoann Vornière
Land: Frankreich 2023
Verlag: Altraverse