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Ein Autor mit seiner Hexe

Mit VIOLET – DIE WASSERHEXE UND DER TOTENGOTT liefert I. B. Zimmermann eine emotionale Urban-Fantasy-Geschichte, die düstere Mythologie, Humor und persönliche Abgründe miteinander verbindet – und im Hörbuch eine sehr eigenwillige und fesselnde Dynamik für sich beansprucht.

Der Autor I. B. Zimmermann, Jahrgang 1989, stammt ursprünglich aus dem kreativen Onlinebereich und hat sich über Jahre hinweg eine Community auf Plattformen wie Twitch und YouTube aufgebaut. Seine Wurzeln im Zeichnen und in der visuellen Erzählkunst spiegeln sich auch in seinem Schreibstil wider. Er schreibt bildhaft, lässt Nähe zu seinen Figuren durch Worte auf die Seiten fließen und erzählt mit sanfter Feder selbst die schwierigsten Kämpfe mit Leichtigkeit.

Im Mittelpunkt seines neuen Werkes steht die Hexe Violet, die in einem magisch verseuchten Berlin lebt – einer Stadt, die buchstäblich von Untoten überrannt wird, während der Rest der Bevölkerung trotz allem kaum etwas davon mitbekommt. Violet arbeitet im thaumaturgischen Notdienst und kümmert sich um übernatürliche Notfälle, was sie zunehmend an ihre physischen und psychischen Grenzen bringt. Als zusätzlich das Leben ihrer besten Freundin aus den Fugen gerät, trifft sie eine folgenschwere Entscheidung: Sie geht einen Pakt mit dem Totengott Thanatos ein.

Balance an der Schwelle zwischen Fantasy und Psychologie

Die Geschichte überzeugt vor allem durch eine gesunde Mischung aus Action, psychologischen Talfahrten und das alles verwoben mit einer überaus zarten Liebesgeschichte. Zimmermann schafft es trotz des fantastischen Hintergrundes, aktuelle Gesundheitsthemen wie Burnout oder Einsamkeit zu porträtieren, ohne dass es wie aus dem Rahmen gefallen wirkt. Dabei achtet er darauf, dass sie kein Hintergrundrauschen werden, sondern baut sie zu vernetzten Strukturen aus, die die Figuren direkt beeinflussen. Gerade Violet mit all ihren düsteren Gedanken sticht hier hervor und bildet den Kern ihres Charakters.

Wer glaubt, hier nur trübe Gedanken zu finden, irrt. Trotz der komplexen Figuren und Geschichte lässt der Autor genug Raum zum Atmen. Bissiger Humor, gerade wenn es mal wieder darum geht, dass Violet von ihrem Arbeitspensum genervt ist, und Dialoge, die zum Schmunzeln einladen, gehören mit zum Werk. Da wirkt der „Matschbirnen“-Vergleich, der in „The Walking Dead“ gegenüber Zombies gezogen wird, fast schon ermüdend – I. B. Zimmermann weiß es anders zu machen. Die gesunde Mischung lässt keine Langeweile und schon gar keine Depression aufkommen und sorgt für einen feinen Fluss der Geschichte, in dem man gerne ertrinken möchte.

Auf die Ohren mit der Kraft Gottes

Im Hörbuch wird dieser Fluss durch Sprecherin Johanna Zehendner bereist und belebt. Sie verleiht Violet ihre charakteristische, glaubwürdige Mischung aus Stärke, Sarkasmus und Verletzlichkeit. Ihre sehr sanfte Stimme, die einen gewissen Nachdruck mit sich führt, passt perfekt zur urbanen, leicht rauen Hintergrundspannung der Geschichte. Actionreiche Szenen vermag sie ebenso zu verpacken wie intime, sehr zarte Momente.

Vielleicht wurde sie von Gott selbst beseelt, denn selbst Thanatos, der Gott des Todes, gelingt ihr scheinbar mühelos. Seine leicht distanzierte Art, seine ruhige Überlegenheit, die an einen stillen See erinnert, der alles verschlucken möchte, bringt sie ebenso zum Ausdruck wie seine unterschwellige Zuneigung zu Violet. Zehendner schenkt beiden Figuren Leben und den Worten ihres Schöpfers Respekt.

Schlussgedanke

Da es sich bei unserem Rezensionsexemplar um eine ungekürzte Lesung handelt, kann sich die Geschichte mit all ihren Facetten entfalten – von den hektischen Einsätzen im magischen Alltag bis hin zu den ruhigeren, in sich gekehrten Passagen. Die Länge von rund 15 bis knapp 19 Stunden (je nach Ausgabe) wirkt dabei keineswegs überladen, sondern gibt der Welt und ihren Figuren ausreichend Raum, sich zu entwickeln.

Insgesamt ist das Hörbuch eine klare Empfehlung für Fans von Urban Fantasy, die Figuren mit Tiefgang lieben. Wer Geschichten mag, in denen Götter, Magie und moderne Großstadtprobleme aufeinandertreffen, wird hier genauso fündig wie Hörer, die Wert auf eine starke Sprecherleistung legen. „Violet“ ist dabei nicht nur eine Heldin im klassischen Sinne – sondern vor allem eine Figur, in der man sich mit all ihren Zweifeln und ihrer Stärke überraschend gut wiederfinden kann. Und selbst ein Gott ist hier nicht erhaben über die eigenen Schwächen.

LILI SCHMIRGAL

Titel: VIOLET – DIE WASSERHEXE UND DER TOTENGOTT
Autorin: I.B. Zimmermann
Verlag: Random House Audio
Laufzeit: 1159 Minuten

 

 

Hörbuch, I. B. Zimmermann, LILI SCHMIRGAL