Mit Wut im Beutel
Es ist wieder da. Nun ja, eigentlich war das Kommunismus-affine Känguru nach dem Abschluss der ursprünglichen Trilogie („Die Känguru-Offenbarung“ in 2014) nie wirklich weg: Mit zwei Kinofilmen, einem Comic-Strip in der ZEIT und sogar einem eigenen gelben Reclam-Heft blieb es multimedial präsent. Währenddessen hielt sich sein Autor Marc-Uwe Kling noch mit anderen Buchprojekten beschäftigt, von SciFi-Dystopie-Satiren über Kinderbücher und Elon-Musk-Comics bis zuletzt einen todernsten Thriller.
Nun geht es für Kling also zurück zum vorlauten Beuteltier und dem Kleinkünstlersein. Angesichts der gesellschaftlichen Großwetterlage war das eigentlich überfällig. Denn sein wir ehrlich: Seit 2014 ist vieles, was damals vielleicht in Ansätzen erkennbar war, nur noch schlimmer und schlimmer geworden. Man hat stellenweise das Gefühl, als wäre der 44-Jährige fast an seinem satirischen Material erstickt, so heftig pulst es jetzt aus ihm und seiner Kunstfigur heraus.
Der Vollständigkeit halber sei erwähnt, dass sich selbstverständlich die Audiobook-Fassung von „Die Känguru-Rebellion“ empfiehlt, denn der Stoff lebt ganz wesentlich von Klings Intonation und komödiantischem Timing im Vortrag.
Die von ihm behandelten Themen sind dabei im besten Sinne erwartbar: Trump, künstliche Intelligenz (und deren breitgestreute Verdummungseffekte), Musks Größenwahn, große Tech-Konzerne mit Herrschaftsanspruch, religiöse Fanatiker und neoliberale Finanzjongleure, die AfD und der Rechtspopulismus insgesamt, Friedrich Merz, Markus Söder und der deutsche Konservatismus, die heutige Jugendsprache und die Podcast-Inflation.
Zugleich sind viele der bereits bekannten Nebencharaktere wieder mit dabei: Friedrich-Wilhelm, Krapotke und natürlich Eckkneipenbesitzerin Hertha, die diesmal auffallend mehr Sprechanteile bekommt – schließlich hostet sie jetzt einen Podcast!
Das Känguru als Überdruckventil
Schon nach wenigen Kapiteln fallen zwei Dinge auf: Erstens ist DIE KÄNGURU-REBELLION nicht so streng in ein fortlaufendes Story-Korsett gepresst, wie es in „Die Känguru-Offenbarung“ auffällig war. Und zweitens präsentiert Kling durch die Aussagen seiner Figuren (inklusive seines kleinkünstlerischen Selbst) ein nahezu fertig ausgearbeitetes Parteiprogramm, samt Steuerpolitik, Finanzmarktregulierung und Lobbyismus-Bekämpfung.
Das alles wird jedoch viel weniger subtil und unterschwellig-clever transportiert als in den vorherigen Büchern. Vielleicht hat Kling erkannt, dass auch sein Publikum immer kürzere Aufmerksamkeitsspannen hat und darum eine möglichst klare, wenig umschweifende Message braucht. Oder aber: Es musste einfach raus.
Man sollte Kling dabei immerhin zugutehalten: Keine der bundesdeutschen Parteien ist davor sicher, von ihm durch den Malz-Kakao gezogen zu werden. Besonders aber über die globale Tech-Industry und deren Multimilliardäre hat der Autor offensichtlich jede Menge Material (und Fakten) in der Hinterhand gesammelt, als er seine dystopischen „QualityLand“-Satiren verfasst hat.
Das manchmal etwas hölzern wirkende Ergebnis sind längere Passagen des Welt-Erklärens, oft eingeleitet mit einem „Wusstest du eigentlich…“ des Kängurus oder des Kleinkünstler-Chronisten.
Vielleicht möchte Kling seinem Känguru damit auch ein wenig das Unbequeme zurückgeben, das sich in der Mainstream-Vermarktung (Stichwort: Kinofilme) einigermaßen verwaschen hat. Mindestens aber will er, ganz explizit, die reichlich vorhandene Absurdität des Heute aufzeigen. Passend empörtes Stoßgebet des Kleinkünstlers: „Da möchte ich als Satiriker doch sehr darum bitten, mir etwas Luft nach oben zu lassen zur Ausübung meines Berufs!“
FRANK KALTOFEN
Marc-Uwe Kling:
Verlag: Hörbuch Hamburg
Laufzeit: 387 Minuten (Ungekürzte Lesung)