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Gelebtes Anderssein: Das goEast-Filmfestival 2024 - Ausflug nach Jugoslawien

Seite 2 von 2: Ausflug nach Jugoslawien

PET MINUTA RAJA (1959) ©BOSNA FILM
PET MINUTA RAJA (1959) © BOSNA FILM

Im jugoslawischen Beitrag PET MINUTA RAJA („Five Minutes of Paradise“) blieb die Queerness einer Hauptfigur nur vage angedeutet. Der Film um zwei KZ-Häftlinge, die im Haus eines Generaloberst einen Blindgänger entschärfen sollen, war eine der wenigen 35 mm-Kopien, die vorgeführt wurden (französische Untertitel). Einige merkwürdig intonierte deutsche Dialoge sorgten für Belustigung („Ich habe schon soviel Gulasch gesehen.“), ausuferndes Anprobieren der Ausgehgarderobe des Militäroffiziers, etwas alberne Travestie und lange Dialoge um den nahenden Tod ließen eine gewisse Substanzlosigkeit in diesem weitgehend als Kammerspiel angelegtem Kriegsdrama zu Tage treten. 

UBIJ ME NEŽNO (1979) ©VIBA FILM & VESNA FILM
UBIJ ME NEŽNO (1979) © VIBA FILM & VESNA FILM

Ebenfalls aus Jugoslawien stammt die uberechenbare Wundertüte UBIJ ME NEŽNO („Kill Me Gently“), bei der schon bei der Einführung gewarnt wurde: Wenn man den Plot – zwischen Disco-Tanzeinlagen mit dem titelgebenden Song und unbeholfenen lesbischen Sexszenen, die nur aus Kneten von Brüsten bestehen – aus den Augen verliere, sei das ganz normal. Es geht vage um eine Übersetzerin von Schundliteratur, in deren großen Landsitz (umgeben von einem riesigen Garten mit schwarzen Lotusblumen und Babyschildkröten) mit der aufkeimenden Liebesbeziehung zwischen den beiden Damen Julija (eigentlich verheiratet mit David) und Cita eine Mordserie beginnt. Der slowenische Skandalregisseur Bostjan Hladnik („Masquerade“, 1971) und Autor Francek Rudolf treiben in ihrer grellen Burleske das postmoderne Spiel mit der (Un-)Zuverlässigkeit der Narration in den letzten Minuten auf die Spitze, welche die Geschehnisse zuvor in ein vollkommen anderes Licht rückt. Gerade durch blutiges Herumgeballere und allerlei Gepose mit Kraftmeierei von Protagonist Adam ein großes Trash-Vergnügen! 

Auch einige Kurzfilme waren im Symposium Die „anderen“ Queers zu sehen – wobei „anders“ in dem willkürlich zusammengestellt wirkenden Block RENEGADES JOY TILL THE END OF THE WORLD: QUEER CINEMA FROM UKRAINE sehr weit interpretiert wurde. Sind die bedrohten oder kaputten Baumarten in den starren Einstellungen der 25 Minuten-Dokumentation heteronormativ? Was soll das Abspacken eines nackten Mannes und einer nackten Frau im Wald in „Sekret, Divchinka ta Klopchik“? Auch, wonach drei Freunde in „More. Viter. Nakhuya“ an einem verlassenen Strand voller Ruinen mit vereinzelten Einschusslöchern suchen, bleibt offen. Wobei ein Ausspruch daraus beim Abbrennen eines Textils einige der hier wild zusammenkuratierten Beiträge unfreiwillig zusammenfasst: Man könne doch jeden Bullshit filmen – und das ganz besonders, wenn noch zwei Minuten auf der Kassette verbleiben.

KÖRHINTA (1955) ©Mafilm
KÖRHINTA (1955) ©Mafilm

Dass das Festival-Team des "goEast" aber zumeist über ein hervorragendes programmatisches Gespür verfügt und Schätze der Filmgeschichte hebt, zeigt sich bei der traditionellen Matinee am Sonntag in der Caligari Filmbühne. Mit KÖRHINTA („Merry-Go-Round“) lief ein hierzulande aber weitgehend vergessener Klassiker des ungarischen Kinos von Zóltan Fábri, der 1956 auf den Filmfestspielen in Cannes Premiere feierte. Die virtuose Kameraführung von Barnabás Hegyi fängt das wilde Treiben auf dem Jahrmarkt und insbesondere auf einem Kettenkarussell in nahen, beweglichen, aber ruhigen Einstellungen ein – später erreichen die Filmräume im klar strukturierten Bildaufbau eine unglaubliche Tiefe, wenn Genossenschaftsmitglied Máté um die Bauerntochter Mari buhlt und sie auf einer Hochzeit zu einem schweißtreibenden Endlostanz herausfordert. 2017 wurde der ursprünglich auf Nitro-Film gedrehte Klassiker digital restauriert, fehlende Frames im Master (das für alle Kopiervorgänge herhielt) mussten eifrig aus Vertriebskopien zusammengesucht werden, wie der anwesende Györgi Raduly vom Nationalen Filminstitut Ungarn aus der Arbeit seiner Kolleg*innen erzählte. Das Ergebnis ist in Schärfe und Kontrasten bei einem so alten Film kaum zu überbieten – und ab Juni in der Mediathek von arte zu sehen.

LUTZ GRANERT

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