WERNER HERZOG - RADICAL DREAMER

Eine facettenreiche Dokumentation taucht ein in die Psyche des Kult-Filmemachers Werner Herzog.

Kurz vor seinem 80. Geburtstag veröffentlichte Werner Herzog dieses Jahr ein Buch über sein Leben. Dabei ist „Jeder für sich und Gott gegen alle“ weniger eine übliche Autobiografie, vielmehr ein Einblick in seine Gedankenwelt und sein nimmermüdes Schaffen. Inzwischen betagt, dreht er einfach immer weiter zu vollkommen verschiedenen Themen: Neben der Inszenierung einer Dokumentation übers Leben von Michail Gorbatschow (2018) und über wissenschaftliche Erkenntnisse bei der Kommunikation des menschlichen Gehirns mit einer Maschine („Theatre of Thought“) trat er auch mehrfach in der Kult-Zeichentrickserie „Die Simpsons“ auf. Er ist, zumindest jenseits des Atlantiks, mit seiner reflektiert-ruhigen Art zu sprechen in Englisch mit bayerischen Akzent längst zu einer Ikone geworden.

Die Dokumentation „Werner Herzog – Radical Dreamer“ begleitet Herzog bei einer (schmerzlichen) Rückkehr nach Sachrang in Bayern, wo er seine entbehrungsreiche Kindheit rekapituliert, ebenso wie beim Drehen seiner Filme und lässt ihn stets verweilen. Regisseur Thomas von Steinaecker folgt dem Kult-Filmemacher zu einem Wasserfall, der für Herzog so etwas wie eine Seelenlandschaft darstellt. Derartige hat er selbst erforscht: Etwa in den überwältigend komponierten Bildern seines im Amazonasgebiet gedrehten Klassikers „Aguirre, der Zorn Gottes“ (1972) mit seinem „geliebten Feind“ Klaus Kinski oder in seinem Filmessay „Lektionen der Finsternis“ (1992), in dem er brennende Ölfelder und das Ende des Ersten Golfkriegs thematisierte – wofür er auf der Berlinale ausgebuht wurde.



Sein Glück konnte er als stets Missverstandener in Deutschland nicht finden, also emigrierte er in die USA, wo er von Hollywoods Filmbetrieb dankbar aufgenommen und ob seiner künstlerischen Visionen geschätzt wurde. Von Steinaecker lässt immer wieder prominente Personen zu Wort kommen, mit denen er in der „Traumfabrik“ zusammenarbeitete: Nicole Kidman und Christian Bale loben Herzog; regelrecht begeistert ist Filmemacher Joshua Oppenheimer, dessen mutige Dokumentation um die Aufarbeitung eines Massakers in Indonesien durch die damligen Täter („The Act Of Killing“) Herzog mitproduzierte. Einzig: Wirklich kritische Stimmen sollte man in „Werner Herzog – Radical Dreamer“ nicht erwarten – nur Herzog setzt sich reflektiert wie immer mit sich selbst auseinander.

Für Kulturinteressierte wie für Cineasten ist die Dokumentation gerade deshalb lohnenswert – auch weil sie bisher unbekannte Anekdoten über Herzog oder Fakten über die Dreharbeiten zu Filmklassikern zutage fördert. So hält sich die Legende, dass Werner Herzog der schwer erkrankten befreundeten Filmhistorikerin Lotte Eisner dadurch das Leben rettete, weil er von München zu Fuß nach Paris aufbrach, um sie dort zu besuchen. Es sei Herzogs purer Wille gewesen, der sie am Leben erhielt. Der Wille eines Mannes, der nicht nur von unentdeckten Bilderwelten träumte, sondern sie wie ein Getriebener unentwegt zutage fördert – bis heute.

LUTZ GRANERT

Titel: WERNER HERZOG - RADICAL DREAMER
Verleih: Real Fiction
Land/Jahr: D/USA 2022
FSK & Laufzeit: ab 12, ca. 102 Min.
Kinostart: 27. Oktober

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