KINOSTART: LUZIFER

Als „religiöser Alm-Horror“ wird LUZIFER in der Pressemitteilung angepriesen. Schlicht irreführende PR: Die am 28. April im Kino startende, sperrige Produktion von Ulrich Seidl („Paradies: Liebe“) verwehrt sich jeder Schublade.

Spätestens seit dem One-Shot-Experiment „Victoria“ ist Franz Rogowski einem breiten Publikum bekannt. Dabei ist der Freiburger weniger an Mainstream-Produktionen als schauspielerischen Herausforderungen interessiert, die er unter der Regie von Christian Petzold („Transit“) ebenso meisterte wie zuletzt im herzzerreißenden Homosexuellen-Gefängnisdrama „Große Freiheit“. LUZIFER ist nun vielleicht so etwas wie sein bisheriges Meisterstück, denn tumbe Charaktere würdevoll zu spielen, ist große Kunst. Doch das von Ulrich Seidl produzierte Drama ist leider so sperrig, dass es schwerfällt, sich in den Mikokosmos einer quälend-intensiven Mutter-Sohn-Beziehung einzufinden.

Das Ende ihrer Alkoholabhängigkeit ging bei Maria (Susanne Jensen) mit strengem katholischen Glauben einher, der in Form von ikonischen Tattoos einen Großteil ihres faltigen Körpers ziert. Zusammen mit ihrem einfältigen, etwas zurückgebliebenen Sohn Johannes (Franz Rowgowski), dem sie absurde religiöse Rituale aufdiktiert, lebt sie zurückgezogen auf einer Almhütte in Tirol. Doch diese fragile Idylle ist in Gefahr, da die touristische Erschließung des bislang weitgehend unberührten Gebiets ansteht...

Mütterliche Liebe und (sexueller) Missbrauch gehen in dem innigen Verhältnis zwischen Mutter und Sohn Hand in Hand, der sich nach einer von ihr beobachteten Bäuchlings-Masturbation die Hand schrubbend reinigen soll. Trotzdem sind die alltäglichen, regelrecht neurotischen (Reinigungs-)Rituale für den am Kaspar-Hauser-Syndrom leidenden jungen Mann ebenso unüberwindbar wie die umgebenden Berge - nicht zuletzt, weil in einer Höhle, die er täglich erspähen kann, Johannes' Vater zu Tode gekommen ist. Und weil ihn mit Kameras ausgestattete Drohnen aus dem Tal, welche Mutter und Sohn wie lästige Fliegen umschwirren, Angst bereiten...

Der Wiener Peter Brunner („Jeder der fällt hat Flügel“), der auch das Drehbuch zu LUZIFER lieferte, verweigert durch zu viele kurze neben-, aber nicht zueinander stehende Szenen und schnelle Schwenks in seinem unruhig erzählten, zuweilen sprunghaften Drama jegliche Kontemplation. Das Bergpanorama, das zwischen Religionskritik und Ökobotschaft immer wieder kurz ins rechte, wunderschöne Licht gerückt wird, bleibt dadurch leider nur eine austauschbare Metapher für die unüberwindlichen Mauern und Barrieren in den Köpfen der Menschen. LUZIFER ist eine anstrengende, fordernde, zuweilen auch frustrierende Erfahrung – die aber mit intensiven Darstellerleistungen aufwartet.

LUTZ GRANERT

Titel: LUZIFER
Verleih: Indeed Film
Land/Jahr: Österreich 2021
FSK & Laufzeit: ab 16, ca. 103 Min.
Kinostart: 28. April

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