Rezension: ELECTRA GLIDE IN BLUE

Ein Cop versucht zwischen korrupten Kollegen und spektakulären Actionszenen einen vermeintlichen Selbstmord aufzuklären.

Im Jahre 1969 brausten Dennis Hopper, Peter Fonda und Jack Nicholson in „Easy Rider“ als freiheitsliebende Outlaws auf ihren Motorrädern durch die von der Hippie-Bewegung politisierten USA. Mit ELECTRA GLIDE IN BLUE ist vier Jahre später das filmische Gegenstück zu diesem Klassiker des New Hollywood entstanden, auf dessen Filmposter der Held, ein Gesetzeshüter, in einer Sequenz schießt. Der prinzipientreue Motorradpolizist John Wintergreen (Robert Blake) kompensiert seine geringe Körpergröße mit Männlichkeitswahn und hohen Ambitionen. Seinem Traum von einem Job bei der Mordkommission kommt er beim rätselhaften Todesfall vom Einsiedler Frank näher, der sich mit einer Schrotflinte selbst in die Brust geschossen haben soll. An der Seite des knallharten Ermittlers Harve Poole (Mitchell Ryan) erhält John seine Chance...



Auch wenn es zunächst einen anderen Anschein hat: Die Polizei wird in ELECTRA GLIDE IN BLUE nicht als „Freund und Helfer“ gefeiert, im Gegenteil. Viele von Johns Kollegen sind korrupt oder lassen insbesondere bei ihren Verkehrskontrollen Hippies gegenüber Willkür walten. John fühlt sich mit moralischem „Law and Order“-Denken bei seinen Patrouillen an den Straßenrändern der aufgeheizten Highways im Wüstenstaat Arizona zunehmend isoliert. Dabei durchbrechen schnelle, hervorragend inszenierte Verfolgungsjagden mit unvermittelter Brutalität (ein brennender Biker, mehrere blutige Shoot-Outs) das mit Landschaftsaufnahmen episch bebilderte Charakterdrama mit Westernmotiven – besonders bei der achtminütigen, mit dem von Regisseur James William Guercio komponierten Song „Tell Me“ unterlegten Schlusseinstellung.

In seiner ersten und einzigen Regiearbeit ließ sich Musikproduzent Guercio deutlich von John Fords Westernklassiker „Der schwarze Falke“ inspirieren, wie er in der knapp 10-minütigen Einführung seines Werks verrät, die als lohnenswerter Bonus auf dieser Blu-Ray-Premiere im Mediabook vom Camera Obscura Filmdistribution enthalten ist. Denn darin weist er auch auf den sonst vermutlich übersehenen ersten Filmauftritt von Nick Nolte hin, der als Bewohner eines Hippiedorfs mangels Budget stumm bleibt. War dieses Extra bereits auf der deutschen DVD-Veröffentlichung von ELECTRA GLIDE IN BLUE enthalten, sind ein 16-seitiges Booklet mit einem ausschweifenden Essay zum New Hollywood von Filmwissenschaftler Dr. Marcus Stiglegger und die Doku „Cops in Arizona“ neu, in der Filmexperte Mike Siegel in 20 Minuten die bewegte Produktionsgeschichte Revue passieren lässt. Dabei fördert Letztere zutage, wie wenig Guercio vom Filmemachen verstand – und wie sehr der oscargekrönte Kameramann Conrad L. Hall („American Beauty“) dem Film mit experimentellen, langen Einstellungen und wenig Licht seinen visuellen Stil aufdrückte. ELECTRA GLIDE IN BLUE ist eine pessimistische, visuell überwältigende Abrechnung mit dem amerikanischen Traum, den man sich trotz seiner fehlenden inhaltlichen Stringenz nicht entgehen lassen sollte.

LUTZ GRANERT

Titel: ELECTRA GLIDE IN BLUE – HARLEY DAVIDSON 344 (Mediabook, Cover A)
Label: Camera Obscura Filmdistribution
Land/Jahr: USA 1973
FSK & Laufzeit: ab 16, ca. 113 Min.
Verkaufsstart: veröffentlicht

 

 

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