Zum Hauptinhalt springen

Cineastische Sternstunden (fast nur) aus dem Archiv - Berlinale Classics und andere bleibende Momente

Seite 3 von 3: Berlinale Classics und andere bleibende Momente

Bleibende Erlebnisse boten sich in der Sektion Berlinale Classics. Hier war auch der älteste Beitrag des gesamten Berlinale-Programms zu finden. GEHEIMNISSE EINER SEELE von Georg Wilhelm Pabst datiert aus dem Jahr 1926 und erfuhr aus drei verschiedenen Kopien digital restauriert seine Uraufführung – in einer einzigartigen Projektion, der dem Pionier in der (ziemlich stark ausdeklinierten) Darstellung von Psychoanalyse im Film gerecht wurde. Die Gedankenströme der Bratschistin aus dem Kammermusikkollektiv von „Broken Frames Syndicate“ illuminierten Zylinder neben der Leinwand und sorgten während des Films für ein farbenfrohes Spektakel – in Anwesenheit von Berlinale-Chefin Tricia Tuttle, die ebenso wie ihre Kolleginnen vorab ein paar einführende Worte ans Publikum richtete.



Mit KRYSHTALEVYI PALATS (CRYSTAL PALACE) aus dem Jahr 1934 erlebte ein längst verloren geglaubter ukrainischer Film seine Weltpremiere in digital restaurierter Fassung. Der Künstler Martin Bruno soll darin eine Christus-Figur erschaffen und damit etwas Altes in eine neue (sozialistische) Form überführen. Doch für seinen Jesus mit Gasmaske landet er im Gefängnis – in dem der Expressionismus des Weimarer Kinos überlebt zu haben scheint. Eine hohe Predigerkanzel vor mit Gitterstäben verhangenen Lehmzellen voller Schlaglichter und ein Kreuz auf der stilisierten Häftlingskleidung lassen einen Stilwillen erkennen, der dem hölzernen und steifen Schauspiel (der frühen Tontechnik geschuldet) nie anzumerken ist. 



Dieses Jahr besuchte ich auch erstmals kurz den wuseligen European Film Market im Marriott Hotel. Im ersten Stock der großen Filmmesse mit etlichen Industrievertretern lag der Fokus eindeutig auf Osteuropa: Die Vertretung vom Filmland Belarus lockte am Samstag mit einem leckeren Schnaps (Krambambulja) und lokalen Süßigkeiten zum Probieren und gegenüber des großen rumänischen Stands lud Filmland Georgien 18 Uhr zum Empfang. Es lohnt sich also (gerade für Akkreditierte), den Blick bei der Berlinale etwas schweifen zu lassen und nicht nur den (dieses Jahr) schwachen Wettbewerb zu besuchen.

LUTZ GRANERT

Seite

sleep no more, Topnews, berlin, berlinale, wettbewerb