SPECIAL: DER BUNKER

Zur Untermiete beim künftigen US-Präsidenten

DER BUNKER ist in der aktuellen deutschen Filmlandschaft nicht weniger als singulär: Das auf abseitige Filme spezialisierte Label Bildstörung veröffentlicht das groteske Horror-Kammerspiel um eine sehr spezielle Familie und ihren Untermieter in einer mustergültigen Edition.

ZUR UNTERMIETE BEIM KÜNFTIGEN US-PRÄSIDENTEN

DER BUNKER ist in der aktuellen deutschen Filmlandschaft nicht weniger als singulär: Das auf abseitige Filme spezialisierte Label Bildstörung veröffentlicht das groteske Horror-Kammerspiel um eine sehr spezielle Familie und ihren Untermieter in einer mustergültigen Edition.

Seit einiger Zeit wird viel über deutsches Genre-Kino gesprochen, und diese Diskussion trägt bisweilen skurrile Züge. Sie möchte gegen den Schweiger-Schweighöfer-Komplex angehen, ignoriert aber, dass dieses eben auch „Genre“ produziert. Die Diskutanten loben Filme wie „Das finstere Tal“ oder „Blutgletscher“ – und vereinnahmen damit österreichisches Kino in latent deutschtümelnder Weise. Sie wollen frische Luft in die deutschen Kinos bringen, die besagten Filme zugleich aber auch am liebsten in einem sicheren Gehege mit der Aufschrift „Neues deutsches Genre-Kino – Bitte nicht füttern oder fotografieren!“ einsperren, wo sie sicher vor der bösen, großen Welt gehätschelt und großgezogen werden können.

Gerade Letzteres hat viel mit DER BUNKER zu tun, der in einer hermetisch abgeschlossenen, „sicheren“ Welt spielt. Der erste Langfilm des Regisseurs Nikias Chryssos passt zugleich aber wenig zur Diskussion um den deutschen Genre-Film, insofern er den Horizont der meisten Diskutanten sprengen dürfte.

Ein namenloser Student gastiert als Untermieter bei einer Familie, die in einem eingeschneiten Waldhaus (besagtem Bunker) wohnt. Er sucht die Abgeschiedenheit, um in Ruhe forschen zu können. Ruhe findet er allerdings nicht. Dass sein Zimmer ein fensterloser Backsteinklotz ist, in den kein Licht von außen eindringt, ist dabei das geringste Problem. „Dafür dringt aber auch kein Licht nach außen!“, versichert ihm sein neuer, skurriler Vermieter, der den Studenten zwar mit einem Fußbad willkommen heißt, kurz darauf aber jeden gegessenen Kloß und jede verbrauchte Serviette notiert.

Dessen regungslose und unterkühlte Frau offenbart ihre Eigenheiten erst später. Am merkwürdigsten ist jedoch der achtjährige Sohn Klaus, der seltsam aussieht (er wird vom 31-jährigen Daniel Fripan gespielt), etwas zurückgeblieben ist, für den seine Eltern aber eine Karriere als US-Präsident vorsehen. Der Student kommt da gerade recht: Er soll seine Mietschulden abarbeiten, indem er Klaus Heimunterricht gibt – und paukt dann mit ihm die Hauptstädte der Welt durch (bekanntermaßen eine Grundvoraussetzung, um US-Präsident zu werden). Als der Student und Klaus sich langsam anfreunden, gerät der Haussegen schief, und die latente Gewalt wird zunehmend manifest.

Als hätten David Lynch und Helge Schneider auf Klebstoff zusammen ihre Version von „Ein Herz und eine Seele“ gedreht: Das kann zwar man gerne so sagen, das vernachlässigt aber, wie singulär DER BUNKER nicht nur in Deutschland ist. Die reduzierten Mittel – nur vier Personen in einem kleinen Haus – setzt Chryssos gekonnt ein, um eine alptraumhafte Atmosphäre passiv-aggressiven Verhaltens und permanenter latenter Gewalt zu schaffen. Nur ab und zu zeigt die Kamera den Eingang des titelgebenden Hauses, darauf verweisend, dass es wohl noch ein „Draußen“ gibt – was das Gefühl der Ausweglosigkeit aus der grotesken Grundsituation nur wenig mindert. „Grotesk“ beschreibt treffend eine Geschichte mit einem Kind, der wie ein 30-Jähriger in einem Babykostüm aussieht und von seiner Mutter noch gestillt wird, einem Vater, der mit Clownsschminke heitere Leseabende mit dämlichen Witzen organisiert, einer Mutter, die eine übel aussehende Wunde an ihrer Wade für einen Außerirdischen namens Heinrich hält, und einem Studenten, dessen manische Kritzeleien nicht gerade wie seriöse Wissenschaft aussehen.

Doch DER BUNKER ist auch anrührend, ur-komisch, peinlich berührend, ausgelassen lustig, schockierend. Seine Ausdrucksmöglichkeiten kennen keine Grenzen. Er hat viel über kleinbürgerliche, latente Gewalttätigkeit zu sagen, ohne dabei auch nur eine Sekunde in Richtung plakativer Thesenfilm zu neigen. Sicher spielt er in einer befestigten und hermetischen Anlage. Er selbst gehört aber nicht in eine solche (und möge sie noch den Titel „Neuer deutscher Genre-Film “ haben), denn DER BUNKER ist wahrlich ein Stück entfesseltes Kino!

DAVID LEUENBERGER

Titel: DER BUNKER

Land/Jahr: Deutschland 2015

Label: Bildstörung

FSK & Laufzeit: ab 16, ca. 85 Min.

Verkaufsstart: veröffentlicht

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