Die Frau, die vorausgeht

Falls Susanna Whites zur Hochglanz-Lehrstunde aufpolierte Wild-West-Romanze DIE FRAU, DIE VORAUSGEHT neben Jessica Chastains gewohnt überzeugender Darstellung einen nennenswerten Vorzug aufweist, dann ist es die Referenz an eine in Vergessenheit gedrängte Frauenfigur. Catherine Weldons Persönlichkeit und Leistungen sind jedoch wie so oft das Letzte, was Drehbuchautor Steven Knight an ihr interessiert. Sein Faible für blasiertes Melodrama, das zuletzt „Burnt“ und „Allied“ ramponierte, verstümmelt die Schlüsselepisode einer außergewöhnlichen Biografie zugunsten einer abstrusen Liebesgeschichte. Die ist auf der Leinwand ebenso zum Scheitern verurteilt wie der schleppende Plot, der packende Tatsachen mit seichter Fiktion überschreibt.

Letzter erfasst von Weldons vielfältigen Motiven für ihre Reise genau eines, das noch am ehesten zum filmischen Konstrukt der weltfremden Witwe passt. Den politischen Aktivismus der Protagonistin ersetzen eine unverhältnismäßige Naivität und selbst attestierte Ahnungslosigkeit. Der paternalistische Blick auf die wenig heroische Heldin sieht auch in Sitting Bull (Michael Greyeyes) lediglich eine Folie für gestelzt inszenierte Klischees. Der Magical Indian therapiert Weldons Ängste mit Glückskeks-Weisheiten, unterhält sie und das Kinopublikum mit Floskeln von Freiheit und Freigiebigkeit und repräsentiert weniger eine historische Figur denn ein athletisches Model(l) des edlen Wilden.

Die intellektuelle Begegnung und Auseinandersetzung zweier dynamischer Charaktere vor einem geschichtlichen Hintergrund wird durch eine von Kolonialismus, Elitarismus und Patriarchalismus geprägte Hollywood-Linse zur Beinahe-Liebesnacht im Tipi, wo sich Häuptling und Malerin ihrer regennassen Kleidung entledigen. Das Negativklischees taktisch geschickt bestätigende Kitsch-Tableau stilisiert obendrein Sam Rockwells schmierigen Colonel Groves zum einzig Vernünftigen in einem Kampf, der im realitätsfernen Filmszenario besser in den Händen weißer Militärmänner aufgehoben gewesen wäre. Der romantisierte Revisionismus unter einer Tünche kalkulierter Scheinliberalität macht DIE FRAU, DIE VORAUSGEHT zur pathetischen Karikatur des künstlerischen Authentizitätsanspruchs der Titelfigur.

LIDA BACH

Titel: DIE FRAU, DIE VORAUSGEHT
Label: Tobis
Land/Jahr: USA 2017
FSK & Laufzeit: ab 12, 101 Min.
Kinostart: 29. Juni

 

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