Boy Missing

Boy Missing

Lug und Trug

Wer sich in BOY MISSING sicher ist, hat schon verloren. Der doppelbödige Thriller nach einem Drehbuch von Oriol Paulo („The Body“, „Der unsichtbare Gast“), schlägt zahlreiche Haken und erscheint heute bei OFDb Filmworks auf DVD und Blu-ray.


Eines der ersten Dinge, die wir sehen, ist eine Gerichtsverhandlung. Dort erleben wir einen Freispruch aufgrund fehlender Beweise. In vielen Filmen ist solch eine Szene oft Ausgangspunkt von rotsehenden Richtern und anderen Formen von Selbstjustiz. Dem Wunsch, der Gerechtigkeit Genüge zu tun, folgt ein moralischer Sumpf. Dieses Gerichtsverfahren wird aber nicht wieder aufgegriffen. Es wird lediglich der Ton gesetzt, nachdem ein Junge mit Kopfverletzungen völlig irritiert an einer Straße aufgelesen wird. Assoziativ greift dieser Moment alles voraus, was kommen wird. Der Wunsch, selbst für Gerechtigkeit zu sorgen, der Moment, wenn man zähneknirschend klein beigeben muss, weil man erkannt hat, dass die andere Seite die besseren Karten in der Hand hat, die Tatsache, dass fehlendes Wissen unangenehme Folgen haben kann, oder auch die Vorstellung, dass die Anwältin im Laufe von BOY MISSING einfach nur ihre gerechte Strafe erhält.

Wir befinden wir uns in der Verfilmung eines Drehbuchs von Oriel Paulo, dem Drehbuchautor und Regisseur von „The Body – Die Leiche“ und „Der unsichtbare Gast“. BOY MISSING ist zwar nicht unter seiner Regie entstanden, reiht sich aber ganz rund in seine Filmographie ein. Aus einem einfachen Beginn schält sich langsam im Zwiebelsystem, Twist um Twist, die wirkliche Wahrheit heraus. Kalt und kontrolliert wird dabei durch die Oberflächen der Protagonisten geschnitten, ihre Erscheinungen seziert und etwas gefunden, was nicht ganz so offensichtlich und einfach ist. Und da wir uns nun also in einem Werk von Oriel Paulo befinden, sind es nicht nur die Figuren, die belogen und hintergangen werden, sondern vor allem wir Zuschauer.

Gerade da sich BOY MISSING zuvorderst über seine Twists definiert, entsteht der spannende Effekt, dass sich der Film an sich immer wieder ändert. Befinden wir uns zuerst in einem „Whodunit“ und suchen einen Entführer, schlägt dies bald in ein moralisches Drama voller Entsetzen um, in dem die Protagonisten vor den Folgen ihrer eigenen Taten fliehen müssen. Schließlich folgt dann doch noch eine geglückte Entführung, und der Thrill liegt beim Abwickeln beziehungsweise beim Verhindern einer Untat. BOY MISSING ist ein Film, der sich bis zum Ende nicht in die Karten schauen lässt.

ROBERT WAGNER

PRODUKT-INFO

Titel: BOY MISSING

Land/Jahr: Spanien 2016

Label: OFDb Filmworks

FSK & Laufzeit: ab 16, ca. 106 Min.

Verkaufsstart: veröffentlicht