Slasher - Die komplette erste Staffel

Ironiefreie Todeszone

Nach diesen leidlich erfolgreichen acht Folgen geht SLASHER unverhofft in die zweite Runde, worüber man sich als Genre-Fan freuen darf, denn die komplette erste Staffel des kanadisch-amerikanischen Formats schafft einen souveränen Spagat zwischen stereotyper Überzeichnung und Horror-Ernsthaftigkeit, wobei der Tribut-Aspekt ebenso gefällt wie die handwerkliche Umsetzung.


Von der eigenen düsteren Vergangenheit eingeholt zu werden, die typisch verschlafene Kleinstadt als Hauptschauplatz, panische Verfolgungsjagden, der geläuterte Verbrecher als Helfer der Guten, schutzbedürftige kleine Mädchen… Regisseur Craig David Wallace ("Todd And The Book Of Pure Evil") erzählt die Story der knapp 30-jährigen Sarah Bennett, die lange Zeit nach der Ermordung ihrer Eltern erneut in eine Tötungsserie verstrickt wird, auf nachgerade dreist klischeehafte Weise, aber mit ausgesprochener Klasse auch in technischer Hinsicht. Sein Team gewinnt der Materie, deren legendäre Vorlagen von "Freitag der 13." bis zu "Scream" in puncto Inszenierung Filmgeschichte geschrieben haben, einige neue Seiten ab, ob es sich nun um gegenläufige Spannungsbögen oder unverbrauchte Kameraperspektiven handelt.

Sarah steht mit beiden Beinen im Leben und scheint ihr Kindheitstrauma verarbeitet zu haben, als in ihrer Heimatstadt, wohin sie zurückgekehrt ist, neue Morde geschehen. Der Täter scheint letzten Endes auf sie abzuzielen, und Rat findet sie ausgerechnet bei Tom Winston, der ihre Eltern auf dem Gewissen hat und dafür Jahre zuvor inhaftiert wurde. Zum Schluss sieht man ein, wie absehbar die Täterschaft schon relativ früh im Verlauf der Geschichte war und wundert sich auch nicht über die Aufdeckung verborgener Abgründe im Alltag einer spießigen Mittelschicht. Doch genau das macht SLASHER unterhaltsam, zumal Schreiber Aaaron Martins („Killjoys“) in Hinblick auf die innerhalb einer Staffel abgeschlossene Handlung erst gar nicht so tut, als wolle er etwas Episches schaffen. Folglich macht die großzügig bemessene Zahl der Protagonisten die Serie zwar nicht zu Anspruchsfernsehen mit vertrackten Personenkonstellationen, wohl aber zu mehr als einer schnöden Teenie-Klamotte, in der reihenweise naive Jungspunde abgemurkst werden.

Das bedeutet umgekehrt nicht, dass die Chose vor Klugheit strotzt oder gar mit doppelbödigen Inhalten aufwartet. Sie ist todernst im wahrsten Sinn des Wortes, und Humor blitzt allenthalben im Zusammenhang mit den Vorzeige-Homosexuellen des Ortes auf. Nichtsdestotrotz fiebert man bis zuletzt mit. SLASHER hält gerade in sein Vertrauen auf bewährte Genremotive bei der Stange und gewinnt den offensichtlichen Idolen der Macher verhältnismäßig frische Seiten ab. Winston etwa ist so etwas wie ein Hannibal Lecter light, wohingegen Sarah selbst in bester „Halloween“-Manier als starke Frau dargestellt wird. Solche Kniefälle vor den „Großen“ sind nichts weniger als sympathisch und bestätigen, dass hier jemand aus Leidenschaft an der Sache zu Werke ging.

Unabhängig davon spielen selbst einige einschlägige Streifen nicht unbedingt so gut mit gewissen Urängsten des Menschen wie diese Serie, was auch daran liegen mag, dass sie sich nicht zwanghaft an Gattungsformalien hält. Thriller-Elemente und eine beinahe rührselige Dramatik gehören ebenfalls zum Programm. Hier geht es um Erwachsene statt College-Kids, und auch wenn Realismus keine Maxime des Drehbuchs gewesen sein kann, kommt SLASHER nicht frech unglaubwürdig daher. Angesichts dieses Auftakts steht zu hoffen, dass sich die Erfinder in der nächsten Staffel auf ihre hier gezeigten Tugenden berufen – im Sinne einer weiteren Variation des alten Themas mit soliden Akteuren und einem bewährten, aber nicht völlig ausgelutschten Plot. Denn sind wir ehrlich: Von kaltblütigem Mattscheiben-Abmurksen kann man nie genug kriegen, oder?

ANDREAS SCHIFFMANN

Titel: SLASHER – DIE KOMPLETTE ERSTE STAFFEL
Land/Produkionsjahr: Kanada 2016
Label: justBridge
FSK & Laufzeit: ab 18, ca. 380 Min.
Verkaufsstart: 27. Oktober