Kleinhirn an Alle - Die große OTTO-Biographie

Kleinhirn An alle - Die große Otto-Biographie

Woran man merkt, dass man alt wird? Dass Menschen, die einem immer jung erschienen, plötzlich auch alt sind. Der gefühlt ewig junge Otto gehört zweifelsohne in diese Kategorie – wer hätte gedacht, dass das deutsche Comedy-Urgestein in diesem Jahr schon seinen 70. Geburtstag feiert Auf über 400 Seiten schaut Waalkes in KLEINHIRN AN ALLE nun zurück: auf seine norddeutsche Herkunft im friesischen Emden, auf seinen komödiantischen Aufstieg, auf die Kollegen, auf den Humor an sich.

Das Schelmische stand ihm schon seit Kindertagen im Gesicht, so viel verrät der umfangreiche Bildteil des Buches. Vor und nach den Fotos breitet der Alleinunterhalter der Nation, der von manchen in eine Reihe mit Loriot und Heinz Erhardt gesetzt wird, unzählige Rückblicke und Gedankenfetzen aus. Beispielsweise, dass sein zweiter Vorname Gerhard ist (nicht ganz so „catchy“ wie das Palindrom aus vier Buchstaben) und welchen Unwägbarkeiten er in dem begegnete, was man gemeinhin das Showgeschäft nennt.

Man hat beim Lesen unwillkürlich Ottos charakteristische Stimme im Ohr; passend dazu ist der Text gespickt mit allerlei kleinen Wortwitzchen und Anekdoten, wie man sie von ihm eben kennt. Das führt dazu, dass man beim Lesen mitunter kichern muss oder sich auch mal in Ottos haspeligen Assoziationsketten verliert – sie sprudeln geradezu aus ihm heraus.

Dass er mit dieser Redseligkeit für einen Norddeutschen ganz schön aus der Art geschlagen ist, thematisiert er übrigens selbst in seinen Erinnerungen. Er schildert auch, dass sein komödiantisches Medium von jeher die Sprache war (genau gesagt: bereits seit dem Kindergarten), und das zeigt sich an vielen Stellen in sprachlicher Finesse. Andere Passagen geraten aber etwas arg kleinteilig – da hätte das Lektorat etwas ambitionierter zu Werke gehen können.

Besonders fällt auf, wie selbstreflektiert Waalkes mit seinen Lebenserinnerungen und auch mit Komiker-Klischees umzugehen weiß. So schreibt er über seine glückliche Kindheit und fügt an, sein Sinn für Komik sei „weder Abwehrhaltung noch Fluchtversuch, nein, er entspringt schierer Lebenslust. Ich sage das eher ungern, denn von einem Komiker erwarten viele, dass seine helle Anschauung der Welt dunkle Wurzeln hat. Aus Schmerzen geborene Scherze werden höher geschätzt, ein geheimes Leiden scheint das Gelächter irgendwie zu veredeln.“ An einigen Stellen käme man nicht darauf, dass hier tatsächlich Otto schreibt, so nachdenklich lesen sie sich: „Komik gilt als verderbliche Ware, da sie meist auf den Normen basiert, die zur Zeit ihrer Produktion gültig waren.“

Ja, bei der Lektüre lernt man auch Einiges über die Grundregeln der Komik. Ins Belehrende kippt das Buch dennoch nicht. Eher fühlt man sich mitunter selbst ertappt, wenn Waalkes die typischen Reaktionen des Publikums auf bestimmte Humor-Mechnismen beschreibt, was als hübsche Meta-Ebene über den vielen Anekdoten schwebt.

Für Otto-Fans ist KLEINHIRN AN ALLE selbstverständlich Pflichtlektüre. Aber diese Auto- bzw. „Ottobio“ ist als durchaus ernstgemeinte und dadurch spannende Abhandlung auch für den gewinnbringend zu lesen, der mal darüber nachdenken will, was Humor eigentlich ist.

FRANK KALTOFEN

Titel: KLEINHIRN AN ALLE – DIE GROSSE OTTO-BIOGRAFIE

Autor: Otto Waalkes
Verlag: Heyne

Hardcover, 416 Seiten

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