Die Wölfe kommen

Wozu braucht man den Teufel…

… wenn es das Böse im Menschen gibt? Einmal entfesselt ist es imstande, einen Schatten zu werfen und um sich zu greifen. Wie ein Virus schlägt es Schneisen und wütet - tötet alles und jeden um sich herum. In Jérémy Fels Roman DIE WÖLFE KOMMEN beginnt es in den siebziger Jahren irgendwo am Ende der Welt auf einer Farm mitten in Kansas.

 

Blutrausch. Anders kann man den Mord an der Bibliothekarin Anna Warren nicht beschreiben. Zuerst vergewaltigt und anschließend mit durchgeschnittener Kehle nackt zurückgelassen, bleibt es der Gemeinde ein Rätsel, was in jener Nacht geschah. Waren es die Zigeuner, die langsam, aber sicher den Ort Emporia übernehmen und überall Unruhe stiften? Oder war es gar ein Bewohner der Stadt?

Diese und andere Fragen beschäftigten Loretta Greer aus Kansas bereits seit einiger Zeit, doch vielmehr waren es die Unstimmigkeiten und der immerwährende Streit zwischen ihrem Mann George und ihrem 17-jährigen Sohn Daryl. Ihr Sohn, der sich so verändert hatte, der kalt und abweisend ist und dessen zornige Augen ihr so viel Sorge bereiteten. Und dann ist da noch Mary Beth, die über 30 Jahre später dem flüchtenden jungen Mann Duane hilft, einen kleinen Jungen vor seiner Mutter zu verstecken und die dennoch mit den Ereignissen, die Ende der Siebziger in Kansas stattfanden, in Zusammenhang steht. Spätestens wenn jedoch die Geschichte in Frankreich spielt und sich die junge Französin Claire Millet ebenfalls mit den unheimlichen Vorkommnissen in Kansas befasst, dürfte klar sein, dass der Plot ungewöhnlich ist.

Jede der Figuren steht in direktem oder indirektem Zusammenhang mit den Ereignissen in Kansas; und die Spur führt jedes einzelne Mal zu Walter Kendrick, der in San Francisco die Unterwelt mit Prostitution und Drogengeschäften fest im Griff hat.

DIE WÖLFE KOMMEN verlangt dem Leser einiges ab. Die Kapitel zusammenzusetzen, die jeweils mehr oder minder abgeschlossenen Handlungen gleichen und jeweils unterschiedliche Figuren an diversen Orten zu unterschiedlichen Zeiten behandeln, erfordert Konzentration. Fels Roman ist aber derart bildlich und fließend geschrieben, dass man ohnehin nicht umhinkommt, sich ganz der Geschichte zu widmen. Spätestens nach den ersten vier Kapiteln geht einem die Taktik dahinter auf: Jede Figur steht in irgendeiner Verbindung zu einer bereits erwähnten anderen, selbst über Kontinente, aber auch Zeiten hinweg, und das macht den Roman so unsagbar spannend; ganz einfach weil keine Story, selbst wenn sie scheinbar abgeschlossen ist, zu Ende erzählt ist. Jederzeit kann in jedem Kapitel noch ein Detail verraten werden, das am Schluss ein komplettes Bild ergibt.

Der 1979 in Le Havre geborene Autor Jérémy Fel wurde mit seinem Debütroman DIE WÖLFE KOMMEN auf dem größten Krimifestival Europas, dem Quais du Polar, mit dem „Prix Polar en Séries 2016“ ausgezeichnet. Es mag insofern schon bezeichnend sein, dass ein französischer Autor, der nach eigener Aussage niemals auch nur einen Fuß auf amerikanischen Boden gesetzt hat, seinen Roman ausgerechnet in Kansas beginnen lässt. Fel verdeutlicht in einem Interview, wie sehr wir doch alle vom amerikanischen Roman oder aber Film beeinflusst sind. Wie stark unser Geschmack und unsere Gewohnheiten davon abhängen, was wir täglich sehen oder lesen - und vieles davon kommt aus dem Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Das mag auch insbesondere stimmen, wenn es um das abgrundtief Böse geht. Das Böse, Monströse und Widerwärtige überschreitet bei Fel diese geografische Grenze. Sein Roman changiert zwischen verschiedenen Orten, Ländern, aber ebenso auch Genres. Ein wenig Horror, ein wenig Thriller und ganz viel Tiefe, von der wir uns nach dem Lesen womöglich wünschen, sie niemals erfahren zu haben. Das Böse hat eine rätselhafte Anziehungskraft und Ästhetik, und das entspricht umso mehr Fels Roman DIE WÖLFE KOMMEN.

Insofern mag es auch nicht überraschen, dass Fel sich von Autoren wie Stephen King oder aber Joyce Carol Oates beeinflusst sieht. Kein Detail bleibt verborgen, und jeder noch so kleine Makel wird offenbart, auch und gerade wenn es um Privates geht. Die Figuren in Fels Roman verdeutlichen dies auf perfide Weise: Anfänglich noch davon überzeugt, man erfahre Details über durchschnittliche Leben, verweist Fel schnell auf das Dunkle in jedem dieser Charaktere. Sei es Eifersucht, Rache oder aber der Glaube, das Schlechte durch eine theoretisch gute Absicht wettzumachen. Sicherlich setzt Fel diesem Bösen eine bizarre und abartige Figur - die von Walter Kendrick - voran, die alles und jeden überschattet. Einfach durch die simple Tatsache, dass sein Wahnsinn, sein Sadismus kaum mehr zu toppen ist und er jeden noch so winzigen Funken Menschlichkeit verloren hat. Die alles dominierende Frage jedoch bleibt: Ist jeder Mensch an einem bestimmten Punkt dazu fähig, eine Grenze zu überschreiten?

DIE WÖLFE KOMMEN ist ein Thriller, der den Leser in seinen Bann zieht, manchmal mag es etwas schwer sein, die Puzzleteile, die Fel zu Beginn so sorgsam voneinander trennt, wieder zusammenzusetzen, und doch ist es gerade sein bildlicher Schreibstil, der einem den Übergang in die Geschichte enorm erleichtert. DIE WÖLFE KOMMEN ist für einen Debütroman ausgesprochen stimmig und hallt noch lange nach. Unbedingt lesenswert!


ISABELL SCHLOTT

Titel: DIE WÖLFE KOMMEN

Autor: Jérémy Fel
Verlag: dtv

Seiten: 448