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Neu im Heimkino: Luc Bessons DOGMAN

Luc Besson bescherte dem Publikum zahlreiche Helden, die sich wie „Léon – Der Profi“ im gleichnamigen Film oder Korben Dallas in „Das fünfte Element“ ins kinematografische Gedächtnis eingebrannt haben. Douglas Munrow aus DOGMAN gehört nun ein Ehrenplatz in dieser Ahnengalerie – auch, weil er wohl einer der tragischsten Charaktere in Bessons 40 Jahre umfassendem Filmuniversum ist.

Seit er in seiner Kindheit von seinem lieblosen Vater angeschossen wurde, steckt bei Douglas Munrow (Caleb Landry Jones) eine Kugel an einer komplizierten Stelle im Rücken. Der an den Rollstuhl gefesselte Hundefreund arbeitet nach einem Biologie-Studium in einem Tierheim. Als das geschlossen wird, zieht er mit Hilfe Dutzender Hunde, mit denen er im heruntergekommenen Gebäude einer ehemaligen Schule zusammenlebt, eine Reihe an Diebstählen durch – was nicht unbemerkt bleibt... 



Diese tragische Lebensgeschichte erzählt Munrow in Rückblenden aus dem Gewahrsam – aber ohne Groll. Aus der Möglichkeit, jemand anderes sein zu können, entdeckte er seine Liebe zum Verkleiden – die ihn bei einem stehenden (!) Gesangsauftritt bis auf die Bühne eines Travestietheaters führte. Besson schlägt in DOGMAN zuweilen auch schrille Töne an, bleibt aber beim Erzählen souverän: Spannend, packend und mit wohldosiertem Actionanteil ordnet er die vergangenen Episoden aus dem Leben von Munrow nicht immer chronologisch an, der vom spielfreudigen Caleb Landry Jones („Three Billboards Outside Ebbing, Missouri“) einnehmend und charismatisch verkörpert wird. Insbesondere beim Finale rührt er dabei zu Tränen. DOGMAN ist eine immer wieder überraschende filmische Wundertüte, bei der man nie weiß, welchen doppelten Boden Regisseur und Drehbuchautor Besson eingebaut hat!

Und von wegen CGI: Ganze Arbeit leisteten auch die Tiertrainer von zahlreichen Hunden am Set – die dem menschlichen Ensemble durch ihre unterschiedlichen Persönlichkeiten hin und wieder die Show stehlen. Folgerichtig wird den tierischen Darstellern auf der vorliegenden Bluray von capelight auch eins von vier kurzen Featurettes gewidmet – Besson selbst berichtet nur kurz (99 Sekunden) von seiner Unsicherheit, wie sein Film wohl beim Premierenpublikum in Venedig ankommt. Neben ein paar Trailern und einem Musikvideo (Sateen: „Autumn Star“) war’s das auch schon mit den überschaubaren Extras. 

LUTZ GRANERT

Titel: DOGMAN
Label: capelight pictures
Land/Jahr: Frankreich 2023
FSK & Laufzeit: ab 16, ca. 115 Min.
Verkaufsstart: veröffentlicht

Luc Besson, Caleb Landry Jones, Dogman, home entertainment, hunde

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Der Oscar-Favorit im Heimkino: ANATOMIE EINES FALLS

Vor etwas mehr als einem Jahr traf ich Sandra Hüller während der Berlinale in den Räumlichkeiten des Verleihs DCM, um mit ihr über „Sisi & Ich“ zu sprechen. Die Filmfestspiele von Cannes, auf dem ihr nächster Film ANATOMIE EINES FALLS Premiere feiern und mit der Goldenen Palme ausgezeichnet werden sollte, lag noch in weiter Ferne – und dass sie für einen Oscar als Beste Hauptdarstellerin nominiert werden könnte, war damals natürlich auch noch nicht abzusehen. Mir begegnete eine ebenso reflektierte wie zugewandte und sympathische Frau, die zu ihrer Herkunft steht, wie sie kürzlich auch US-Talkmaster Jimmy Kimmel erklärte. Sie komme aus Thüringen, das sei „the green heart of Germany“ - und von der Oscarnominierung habe sie erfahren, als sie gerade den Müll raus brachte.

Genau diese natürliche Authentizität ist es, mit der Sandra Hüller in ANATOMIE EINES FALLS verfängt. Wenn ihre Figur, eine Romanautorin, in Rückblenden mit ihrem Ehemann (Samuel Theis) eskalierend darüber streitet, dass er beim Unterrichten des gemeinsamen Sohnes (Milo Machado-Graner) kaum mehr Zeit für sich hat, dann wirkt das glaubwürdig. Wenn sie nach dem rätselhaften Tod ihres Ehemanns – war der Sturz aus dem Dachfenster es ein tragischer Unfall, war es Mord? - vor Gericht nonchalent zwischen Französisch und ihrer Muttersprache Deutsch wechselt, bedarf es bei der inneren Aufgewühltheit ihrer Figur keiner Erklärung. Ein lesbischer Seitensprung? Wirft kein gutes Licht auf ihre widersprüchliche Figur, die sich (natürlich!) vehement um Einordnung bemüht. Es sind keine großen Gesten, mit denen Sandra Hüller spielt, bis sie (scheinbar) komplett mit ihrer Figur verschmilzt.

Das passt hervorragend zum realistischen Stil von Justine Triet, die für Regie und Drehbuch ebenfalls für den Oscar nominiert ist: In nüchternen Bildern und ohne großes musikalisches Brimborium fokussiert ANATOMIE EINES FALLS ohne ablenkendes Beiwerk den Gerichtsprozess und die fragile Beziehung des Ehepaars. Das tut der Film vielleicht etwas zu gründlich (und sicher für Wenige mit unbefriedigendem Ausgang), was man bei einer Laufzeit von 145 Minuten auch negativ ankreiden könnte. Auf der DVD ist als überschaubarer Bonus neben einem 7-minütigen französischen Feature zum Hundetraining ein 9-minütiges Interview von „Spätvorstellung – Das Kinomagazin“ mit Sandra Hüller enthalten. Regisseurin und Co-Autorin Justine Triet wusste vermutlich, was sie „gut können würde oder so“, so die Ausnahmeschauspielerin über ihre Besetzung bescheiden – was dann doch wenig überraschend ist.

LUTZ GRANERT

Titel: ANATOMIE EINES FALLS
Label: Plaion Pictures
Land/Jahr: Frankreich 2023
FSK & Laufzeit: ab 12, ca. 145 Min.
Verkaufsstart: 29. Februar

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Erstmals im Heimkino: EMANUELA 77 mit Sylvia Kristel im Mediabook

Der gelernte Maler und Grafiker Walerian Borowczyk machte sich in den 1970er Jahren einen Namen als Filmemacher, der nackte Weiblichkeit und (pervertierte) Sexualität betörend in oftmals historischem Setting in Szene zu setzen vermochte. Skandale blieben wie bei „La Bête – Die Bestie“ (1975) nicht aus, als er die Ejakulation einer haarigen Kreatur auf eine entblößte französischen Adlige zeigte – weswegen der Film in Deutschland lange Zeit auf dem Index stand. An EMANUELA 77 ist indes nur ein Faktum tatsächlich skandalös: Wie schamlos hierzulande zum Kinostart versucht wurde, den Film wegen der Präsenz von Sylvia Kristel an die ungleich kommerziellere „Emmanuelle“-Softsex-Reihe anzudocken. Denn das spröde Erotikdrama hat rein gar nichts damit zu tun.

Sigismond (Joe Dallesandro) lebt zusammen mit Frau Sergine und dem gemeinsamen Sohn in einem Haus in der Provinz. Als er für einem nicht näher definierten Auftrag nach Paris fahren muss, sucht er auf den hastig via Voice-Over eingehauchten Tipp seines Onkels hin die Nähe zur Prostituierten Diana (Sylvia Kristel), in die er sich Hals über Kopf verliebt. Das beruht eigentlich auf Gegenseitigkeit, doch kann Diana wegen eines brutalen Zuhälters ihre professionelle Fassade nicht aufgeben. Plötzlich erreicht Sigismond ein Brief mit markerschütternden Nachrichten…

Plaion Pictures ist mit der Veröffentlichung von EMANUELA 77 ein Coup gelungen: Das Erotikdrama liegt erstmals überhaupt im Home Entertainment vor, selbst eine deutschsprachige VHS-Auswertung gab es bisher nicht. Und bei der Mediabook-Veröffentlichung werden Borowczyk-Fans ob der zahlreichen Extras mit der Zunge schnalzen. Als Bonus sind etwa Borowczyks 40-minütige, belebte Großstadtalltag-Dokumentation „Briefe aus Paris“ (1975) und mit „Diana aus Amsterdam“ ein 5-minütiger Werbefilm zu EMANUELA 77 enthalten, gesprochen von Sylvia Kristel.



In einem 63-minütigen Portrait vom British Film Institute mit dem Titel „Obscure Pleasures“ klärt Borowczyk in einer Werkschau über die Unterschiede zwischen Alchemismus und Animationskunst auf, entgegnet auch kritischen Fragen gelassen, ob er etwa selbst Perverser oder Kunde von Prostituierten sei. Von einem Kino der schönen Bilder will er nichts wissen: Vor allem gehe es für den gebürtigen Polen um die Montage und die Entfaltung der Handlung in der Zeit – woran sein nie wirklich berührendes Erotikdrama hier allerdings scheitert. Die immerselben Großaufnahmen entblößter weiblicher Körper (vor allem von den Oberschenkeln bis zum Bauchnabel) geraten alsbald ermüdend, innere Monologe um die eigene lüsternen Gefühle beim unbeholfen anmutenden Geschmuse sind fast schon unfreiwillig komisch, der dünne Plot schleppt sich zäh dahin. Während der grimmig-dröge Joe Dallessandro den spröden Charme eines zwielichtigen Mafiaschergen aufweist, spielt Sylvia Kristel eine weiteres Mal nach den "Emmanuelle"-Teilen ihre Paraderolle als verführerische Liebende – auch wenn sie ihre Zigarettenkippen bisweilen an merkwürdigen Orten ausdrückt. Songs von Elton John, Pink Floyd oder Tangerine Dream beim jugendfreien Liebemachen sorgen zumindest für ungleich mehr Abwechslung. EMANUELA 77 ist ein sprödes, unterkühltes Erotikdrama, dem unnötig viel seiner Sinnlichkeit durch abturnende Gehampel-Sexszenen abhanden kommt. 

Insgesamt sind drei verschiedene Fassungen von EMANUELA 77 auf den Scheiben enthalten: In der 86-minütigen Produzentenfassung fehlt im Vergleich zur 20 Sekunden längeren deutschen Kinofassung jene Szene, wo Diana von ihrem Zuhälter erst geschlagen wird, der dann mit ihr schläft („Wir sind hier nicht Bangkok, sondern in Paris!“, so dazu ein Teil der irreführenden, auf „Emmanuelle 2 – Garten der Liebe“ anspielenden deutschen Synchro). Auch Borowczyks 91-minütige Originalversion (Director’s Cut) ist enthalten. Einziger Wehmutstropfen: Die alternativen Szenen der britischen Fassung in VHS-Qualität sind unkommentiert aneinander gereiht – und auch sonst fehlt jegliche Einordnung zur Entstehung des Films oder warum wie die Schere angesetzt wurde. (Möglicherweise ist dazu etwas im Booklet zu finden – und lagen zur Rezension allerdings nur die Discs ohne Verpackung vor.)

LUTZ  GRANERT

Titel: EMANUELA 77 – Mediabook
Label: Plaion Pictures
Land/Jahr: Frankreich 1976
FSK & Laufzeit: ab 16, ca. 91 / ca. 86 Min.
Verkaufsstart: 29. Februar

Walerian Borowczyk, Sylvia Kristel, Emanuela 77, Emmanuelle, plaion pictures, mediabook

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