Montag, 05 September 2016 14:33

NARCOS

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Ein Fausthieb gegen den Mainstream

Es ist wohl eine der meist polarisierenden Seriengeschichten, die jemals das Licht der Welt erblickt haben, und dennoch war die Begeisterung groß, als Netflix mit der Serie NARCOS, die Polyband nun auf DVD und Blu-ray veröffentlicht, das Leben des kolumbianischen Paten Pablo Escobar ins Programm stellte.

Ist es legitim, einen Sympathieträger zu etablieren, der so viel Blut an seinen Händen kleben hat? Diese Frage kann NARCOS in seiner ersten Staffel nicht wirklich beantworten. Fakt ist allerdings, dass die Mischung aus Drama-Event und Dokumentation allemal gut recherchiert und folgerichtig auch immer auf Augenhöhe mit dem vielleicht gefährlichsten und größten Drogenbaron der gesamten Weltgeschichte ist. Die Handlung nimmt sich dementsprechend auch viel Zeit, um den rasanten Aufstieg des südamerikanischen Kriminellen von der ersten Sekunde an zu beleuchten und das ungehobelte Bild des späteren Massenmörders und Kartellbosses in all seinen Facetten darzustellen.

Zunächst als Schmuggler aktiv, knüpft Escobar schnell die wichtigsten Kontakte und gehört schon zu Beginn der 80er zu den elementaren Figuren im Kokainhandel weltweit. Seine Hand reicht nicht nur nach Amerika, wenngleich er sein Imperium vor allem auf den Dollars aus dem verfeindeten Norden gründet, sondern greift rund um den Globus nach all denjenigen Geschäftsleuten, die keine Probleme damit haben, dass Don Pablo all jene um die Ecke bringt, die seine Mission im Namen der seinerseits legitimierten Kriminalität verachten oder gar gefährden. Doch die DEA gibt nicht auf, Escobar endgültig dingfest zu machen und entsendet mit den beiden Agents Steve Murphy und Javier Peña die fähigsten Männer, um dem berüchtigten Medellín-Kartell ein für allemal das Handwerk zu legen. Doch auch die Kommissare der Drogenfahndungsbehörde müssen schnell feststellen, dass es schier unmöglich ist, dem als Popstar gefeierten Escobar den Geldhahn zuzudrehen.
In der ersten Staffel der zwiespältig aufgenommenen, am Ende aber doch mit Ruhm überschütteten Netflix-Produktion demonstriert Regisseur Andreas Baiz bereits seine weitreichende Leidenschaft für die abstrakte Welt der Korruption und der damit verbundenen, allzu verachtenden Spirale der Gewalt. In fast schon ironisch aufgearbeiteten Szenen hinterfragt er den Werdegang Escobars, schildert ihn aber dennoch detailgetreu und schafft es letztendlich sogar tatsächlich, eine gewisse Faszination für den Paten aufzubauen. Man lernt die Hauptfigur einerseits als skrupellosen Machtmenschen kennen, der in seinem monströsen Milliardengeschäft fast täglich über Leichen geht. Und dann entdeckt man auf der anderen Seite die karitative Ader des Protagonisten, der sein Geld mit den armen Schichten der kolumbianischen Bevölkerung teilt und sich somit auch deren bedingungslosen Support ergattert. Es sind bizarre Bilder, die Baiz zeichnet, ohne dabei die unglaubliche inhaltliche Härte in irgendeiner Form zu überspielen. Die Serie reflektiert die politisch motivierten Morde, die Escobars Position behauptet und geschärft haben; sie spiegelt anhand von unzüchtigen Szenen wider, wie es ihm gelungen ist, das Volk zu manipulieren und für seine Zwecke zu nutzen. Und sie zeigt zu guter Letzt auch, welchen Preis viele Menschen zahlen mussten, die auch nur ein einziges Mal den klitzekleinen Fehler begangen haben, ihren Boss zu hintergehen.
Sicherlich ist es eine totale moralische Verfremdung, die das Projekt vorantreibt, vergleichbar vielleicht mit den vielen krummen Deals, die man in prestigereichen Reihen wie „Sons Of Anarchy“ miterleben durfte. Doch NARCOS ist die Wirklichkeit, ein Jahrzehnte währendes Produkt der Realität, das eben gerade deshalb so viel Strahlkraft generiert, weil die vielen erschreckenden Szenarien eine authentische Replik der Ereignisse Mitte der 80er sind.

Und genau das bringt einen wieder auf die eingangs aufgeworfene Frage nach der Daseinsberechtigung von Serienprojekten wie NARCOS zurück. Wie kann man es eigentlich dulden, einem der größten Verbrecher aller Zeiten genügend Sympathien zu gestatten und am Ende sogar mit seiner verstörenden Vision mitzufiebern? Warum sind es gerade solche Produktionen, die mit ihrem abschreckenden Eventbericht eine Art krankhafte Begeisterung auslösen, obschon man sich moralisch genau gegenteilig verpflichtet sieht? Nun, die Antwort liegt irgendwann auf der Hand: Weil der Mensch begreifen und verstehen möchte, weil es ihm ein Anliegen ist, auch die schmutzigsten Gedanken und deren Umsetzung in irgendeiner Form nachvollziehen zu können – und weil er seine eigene Perspektive erst dann als gerechtfertigt akzeptiert, wenn er die vielen kleinen Ansatzpunkte zu seinem persönlichen schlüssigen Puzzle zusammensetzen kann.

All das gewährt NARCOS in den ersten zehn Kapiteln bedingungs- und auch schonungslos, sowohl im Hinblick auf die geradezu perfekten Charakterzeichnungen als auch hinsichtlich der authentisch nachgezeichneten Settings, die eben nicht bloß in irgendeinem modernen Studio aufgezeichnet wurden. Diese Serie ist ganz nah dran, sie fühlt das Verbrechen, sie stößt dessen giftige Dämpfe aus, aber sie vergisst in den entscheidenden Augenblicken auch nicht, die ausbleibende Rechtschaffenheit in den Fokus zu rücken, um moralisch nicht vollends zu entgleisen. Zwischen „Boardwalk Empire“, „Gomorrah“ und „Die Sopranos“ hat man schon zahlreiche Hintermänner des organisierten Verbrechens aus nächster Nähe erleben dürfen. Doch in „Narcos“ darf man sie sogar anfassen und ganz tief in sie eindringen – ein vermeintlich kleiner, aber doch so wichtiger Unterschied!

BJÖRN BACKES

Titel: NARCOS – Staffel 1
Label: Polyband
Land/Herstellungsjahr: USA 2015
FSK & Laufzeit: ab 16, ca. 500 Min.
Verkaufsstart: 1. September

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